DVD-Tipp: „Control“ (2007)

„Existenz- Was bedeutet das schon? Ich lebe mein Leben so gut ich kann. Die Vergangenheit ist nun Teil meiner Zukunft. Die Gegenwart lässt sich nicht kontrollieren.“ So lauten die ersten Worte von Ian Curtis im Biotopic „Control“ über das turbulente Leben des Joy Divisions Sängers. Curtis prägte mit seiner dreiköpfigen Band den Post-Punk wie kein anderer und beeinflusste damit eine ganze Generation Jugendlicher. Und trotzdem kam er mit seinem eigenen Leben nicht mehr klar, sodass er sich mit nur 23 Jahren in seinem Haus in Macclesfield erhängte.

Der niederländische Fotograf Anton Corbijn verfilmte im Jahr 2007 das Leben von Ian Curtis auf der Grundlage von „Touching from a distance“, eine Biographie geschrieben von Curtis Frau Deborah. Der bis dahin unbekannte Brite Sam Riley spielt den charismatischen Poeten Curtis, der Ende der 70-er Jahre mit seiner Post-Punk-Band Joy Division kurz vor dem Durchbruch steht, aber durch seine Epilepsie-Erkrankung und private Probleme mit Debbie, gespielt von Samantha Morton, innerlich vollkommen zerrissen ist. So fasst er am Abend vor der ersten Amerika-Tournee einen folgenschweren Entschluss.

Der in schwarz-weiß gehaltene Film beginnt in Curtis Jugendjahren. Geboren 1956 in der Nähe von Manchester wächst Curtis behütet in dem kleinen Ort Macclesfield auf. Er begeistert sich schon früh für Literatur und Musik, vor allem David Bowie, der 1971 verstorbene Jim Morrison und Iggy Pop. Er nimmt in dieser Zeit schon Drogen zu sich, eine größere Menge verschiedene Medikamente wie Valium. Was im Film nicht gezeigt wird, ist, dass Curtis der einzige in seinem Umfeld war, der sich unter Drogeneinfluss selbst verletzte und einen frühen Tod wie sein Idol Jim Morrison idealisierte.

1973 trifft er Deborah, genannt Debbie, und heiratet sie 1975. Er ist neunzehn Jahre alt. Ein Jahr darauf gründet er mit Peter Hook, Bernard Summer und Terry Mason die Band Warsaw, später unbenannt in Joy Division. Der Name leitet sich von einem Bordell ab, das deutsche Soldaten im zweiten Weltkrieg besuchten. Im Juni 1978 veröffentlichen sie ihre erste EP, im Dezember erleidet Curtis nach einem Londoner Gig seinen ersten Anfall. Die Diagnose lautet Epilepsie und Curtis bekommt verschieden Medikamete verschrieben, die auf seinen Körper und vor allem auf seine Psyche schlagen. Der Sänger verfällt zunehmend in Depression und entfremdet sich von seiner Frau und der 1979 geborenen Tochter Nathalie. Joy Division wird immer größer, Curtis Texte düsterer und depressiver. Seine markante Bass-Bariton Stimme verleiht der Musik den letzten Schliff und macht Joy Division unverwechselbar.

Der Filmtitel spielt auf den Hit „She´s lost control“ an, der von einem epileptischen Mädchen handelt, das Curtis kannte und nach einem Anfall verstarb.                                                                                                                                                                                                                                                                                  Bei einer Tour lernt Curtis die belgische Journalistin Annik Honoré (Alexandra Maria Lara) kennen und beginnt mit ihr eine Affäre, die jedoch vor Debbie nicht geheim bleibt. Hin und her gerissen zwischen zwei Frauen und dem zunehmenden Druck von der Band beginnt Curtis einen Suizidversuch, überlebt aber. „Ich wollte nie, dass die Sache so groß wird. Ich habe keine Kontrolle mehr.“, so Curtis Gedanken. Kontrolle. Das ist das Schlüsselwort des Filmes. Der Sänger hat weder Kontrolle über sein Privatleben, noch über die Entwicklung von Joy Division. Alles zerfällt. Ian Curtis meint, er habe mit der Musikbranche abgeschlossen und wolle nicht mehr in einer Band sein. Trotzdem war eine zweiwöchige Amerika-Tournee geplant. Debbie hat die Scheidung eingereicht. Der Mann ist am Boden. Der Tod scheint der einzige Ausweg für ihn zu sein. Am 18. Mai 1980 erhängt sich Ian Curtis in seinem Haus. Er ist 23 jahre alt.

Der Regisseur von „Control“ wollte bewusst nicht ein Film über Joy Division, sondern über Ian Curtis machen, der tragische Songwriter, der gebrochen von seiner Krankheit und seinen privaten Problemen, die Kontrolle über sein Leben verloren hat. Sam Riley erbringt eine herausragende schauspielerische Leistung in seiner Verkörperung des Protagonisten, der an dem Druck, der auf ihm lastet, zerbricht. In dem Abschiedsbrief an Debbie schreibt er: „Mein Stolz wurde gebrochen durch die Liebe“.

Joy Division veröffentlichten nur zwei Alben, 1979 und 1980, beide prägend für den Post-Punk und die spätere Dark Wave-Bewegung. Ihr größter Hit „Love will tear us apart“ wurde zahlreiche Male gecovert und ihre Musik beeinflusste viele heutige Postrock-Musiker wie Interpol oder Editors. „Control“ ist ein beeindruckendes Filmwerk, das die tragischen Umstände eines aufsteigenden Musikers porträtiert und zugleich den Zuschauer in das Innere der Figur blicken lässt. Der Film ist nicht nur für alle Indierock-Fans sehenswert, sondern auch für diejenigen, die sich für den unsicheren Menschen hinter dem Rockstargesicht interessieren.

„I could live a little better with the myths and the lies, when the darkness broke in, I just broke down and cried. I could live a little in a wider line.When the change is gone, when the urge is gone, to lose control. When here we come. “

http://www.myspace.com/joydivision

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Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedreht, Geschrieben, Gelesen

Eine Antwort zu “DVD-Tipp: „Control“ (2007)

  1. Chris

    Du schreibst mal wieder viel zu viel meine süße aber ansonsten echt ein top artikel 😉 generell ein sehr professioneller Blog den ihr beiden macht 🙂

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