Indie-Rockin´- Electro Poppin´ mit gaaanz viel Schlamm- Das Southside 2010 aus Laras Sicht

Normalerweise denkt jeder, der das Wort „Festival“ hört, sofort an jede Menge gute Musik auf Open-Air Bühnen, tausende Menschen, die nebeneinander in Zelten übernachten und vor allem eins- gutes Wetter. Das war leider beim diesjährigen Southside Festival nicht der Fall. Schon Wochen vorher sagte der Wetterbericht Gewitter und Dauerregen voraus. Trotzdem hoffte wohl jeder Besucher, dass sich die Lage wohl noch ändern könnte. Wer aber zum Wochenende vom 18. bis 20. Juni in Neuhausen ob Eck in Baden-Württemberg ankam, wurde eines besseren belehrt. Donnerstag Abend tobte der Regen über dem kleinen Örtchen und tausende Ankömmlinge mussten ihre Zelte und Gepäck auf den Camping-Platz tragen. Hinzu kam, dass wir gut zwei Stunden in einer meterlangen Schlange anstehen mussten, um erst mit unserem Bändchen auf das Gelände zu kommen. Es gab nur ein großes Zelt für den Kartenabriss, anstatt mehrere verteilt auf dem Eingangsbereich. Die Organisation hätte deutlich besser ablaufen können. Die Stimmung war ziemlich angespannt. Auf dem Platz herrschte das Chaos, da viele Schwierigkeiten hatten bei dem starken Regen ihre Zelte aufzubauen. Später erfuhren wir, dass das Wasser sogar einige weggeschwommen hatte. Na, das kann ja heiter werden.

Am ersten richtigen Festival-Tag schien dann doch noch etwas die Sonne. Leider mussten wir uns für die kommenden Tage durch ein Schlamm-Meer durchquälen, um von A nach B zu kommen. Vor allem machte es besonders Spaß wenn man wie ich keine Gummistiefel dabei hatte. Die ersten interessanten Bands spielten erst am Abend. Los ging es mit We are Scientists auf der Blue Stage. Das neue Trio mit Andy Burrows, Ex-Razorlight, spielte eine Stunde lang aus ihren drei Alben, insbesondere „Barbara“, dem neusten Werk der Indie-Gruppe. Keith und Chris kamen wirklich sympathisch rüber. Sie machten Späße mit dem Publikum und schienen vollkommen auf dem Boden geblieben zu sein. Was eine echte Seltenheit im Rockmusikerdasein ist. Das erste Fazit also: Super Show zum Warmwerden. Wir gingen danach noch schnell rüber zu Vampire Weekend, die leider fast zur selben Zeit spielten. Man muss eben bei so einem großen Festival Prioritäten setzen. Was mich persönlich gefreut hat, war, dass „Giving up the gun“ und „Campus“ hintereinander gespielt wurden, die einzigen zwei Lieder, die ich bis dahin gekannt hatte. Nach dem Gig ging die Drängelei los, denn jeder wollte rein in das Gelände der Green Stage für Jack Johnson. Das traf sich  perfekt, denn danach würden Faithless und die Strokes (!!!) spielen. Wir konnten einfach stehen bleiben.

Wir kamen zum Glück noch pünktlich zu Jack Johnson, der gemütlich in T-Shirt und Flip Flops auf seiner Gitarre trällerte. Genau zu der Zeit kam die Sonne heraus. Tja, the sun always shines with Jack Johnson. Der surfende Singer/Songwriter brachte die gute Laune mit seinen Sommersongs wieder bei dem Publikum hervor, was dringend nötig war. Es wurde bald dunkel und die Bühnenlichter für den Faithless-Aufritt funkelten vor unseren Augen herum. Beeindruckende Lichtshow. Die ganze Menge ging dann bei „God is a Dj“ und vor allem „Insomnia ab“. Ich höre die Gruppe eigentlich nicht, aber die Live-Show war genial. Elektro-Dance vom Feinsten. Dann war es 23 Uhr. Ich stand in der zweiten Reihe, gespannt auf die Band, die ich schon immer sehen wollte. The Strokes traten zum ersten Mal nach vier Jahren wieder auf dem Southside auf und überhaupt war dies einer ihrer ersten Gigs nach langer Pause. 23:10. Immer noch keine Strokes. Passt aber zu den 5 Indierockern aus New York. Nur wer sich verspätet, ist cool. 23: 15 Uhr-endlich. Nicolai, Fab, Nick und Albert betraten die Bühne und machten sich bereit. Als letztes tauchte Julian mit dunkler Sonnenbrille auf. Hip wie immer. Sie spielten alle ihre großen Hits wie „Reptilia“, „Jukebox“ oder „12:51 am“,wieder kein neuer Song wie auch bei allen anderen Auftritten. Nach dem ersten Lied befand ich mich zehn Reihen weiter  hinten. Die Menge tobte wie wild und alle schrien: „Julian, put your glasses off!“ Der Frontman machte an dem Abend gut gelaunt viele Witze. Er fragte spaßeshalber (oder vielleicht auch nicht?), welcher Song als nächstes gespielt wird. „Someday“, sagte Nicolai. Jemand beschwerte sich neben mir: „Alter, wie viel hat der denn wieder gesoffen?“ Berechtigte Frage. Das Coolste war zum Ende hin, als Julian den Anfang von „Eternal Flame“ ins Mikro summte und einfach die ganze Menschenmasse den Text weiterbrüllte. Die Bandmitglieder schauten amüsiert das Publikum an und applaudierten uns. Ich war begeistert. Ärgerlicherweise, aber irgendwie nicht anders zu erwarten, endete der Auftritt fünf Minuten vor offiziellem Ende, obwohl die Strokes 15 Minuten Verspätung hatten. „Vielen, vielen, vielen Dank! I fucking love the shit out of you! Gott segne euch, Gott segne Deutschland!“, verabschiedete sich ein pathetischer Casablancas. Alle Zugaben halfen nichts. The Strokes waren weg. Ich hatte mein persönliches Highlight, für das ich allein hierher gekommen war. Die Jungs hätten auch nur eine halbe Stunde spielen können – Ich war hin und weg.

Samstag. Als erstes ging es zu Band of Skulls am frühen Nachmittag. Sie spielten im roten Zelt und präsentierten ihr Debütalbum „Baby Darling Doll Face Honey“, Garage-Rock in höchsten Maßen. Etwas wortkarg aber professionell legten sie ihre Show ab und dann gings auch schon wieder nach draußen zu Shout Out Louds. Die netten Schweden hatten ihren Gig auf der Blue Stage und es war ungewöhnlich voll auf dem Gelände. Ihr Hit „Please, Please, Please“ hatte wohl wirklich breiten Anklang gefunden. Die Band erschien noch etwas schüchtern und spielte ihr Programm ohne viele Worte durch. Dennoch bereiteten ihre fröhlichen Lieder gute Laune, trotz des schlechten Wetters. Später gingen wir zum Autogramm-Zelt und bekamen Unterschriften von ihnen und zuvor von Enter Shikari.

Nach einem kurzen Abstecher zu Paramore ging es dann zu Phoenix auf der Blue Stage rüber. Zum Glück war ich schon früh da, denn es wurde richtig, richtig voll. Die französische Indie-Pop Band, die spätestens seit ihrem letzten Album „Wolfgang Amadeus Phoenix“ einen wahren Hype bei den Jugendlichen ausgelöst hatte, spielte fast eine Stunde lang ihre größten Hits vor einer tobenden Menge. „Lisztomania“ machte den Anfang und jeder ging gleich ab. Phoenix und vor allem Frontamn Thomas Mars kamen sehr sympathisch beim Publikum an und sie absolvierten einen herrlich entspannten Auftritt. Das absolute Highlight war die verlängerte Version von „1901“ ganz am Schluss als Zugabe. Urplötzlich stieg Mars von der Bühne und lief mit seinem Mikro durch den abgesperrten Gang in der Mitte. Ich hatte ihn genau vor meiner Linse. Dann stellte er sich auf den Zaun zur anderen Seite hin (leider) und sang weiter ins Mikro. Wir musste uns mit seiner Rückseite begnügen. Nach einer Weile brachten die Securities ihn dann wieder zurück und er verabschiedete sich vom Publikum. Eine Stunde lang hatten wir auf den Sound der Franzosen getanzt und hatten Spaß. Der beste Auftritt des Samstags meines Erachtens.

Um viertel vor neun erschien LCD Soundsystem auf der Blue Stage und ich schaute von ganz hinten zu. Es war erstaunlich leer innerhalb der Absperrungen, zumal das neuste Album „This is happening“  von vielen Musikzeitschriften zum besten des Monats Juni gewählt wurde. Viele Menschen tanzten aber außerhalb der Absperrungen zum Elektro-Sound von James Murphy. Er wirkte in seinem weißen Anzug lässig und entspannt, genauso wie seine groovigen Pop-Melodien. Zwar war es nicht einer der besten Auftritte des Festivals, aber man konnte sich wenigstens mal frei bewegen im Gegensatz zum Gedränge bei anderen Bands.

Der vorletzte Gig am Samstag hatten Tegan & Sara im roten Zelt, wobei ich vorher vergeblich versucht hatte, ein Autogramm von den beiden am Visions-Zelt zu bekommen. Eine von den Zwillingen schien etwas kränklich zu sein und musste sich für den Auftritt schonen. Schade. Im Zelt war es dann richtig voll und es herrschte eine super Stimmung. Die beiden Schwestern aus Kanada bedankten sich mehrmals bei ihren Fans und meinten, dass es hier mehr abging als beim Hurricane. Vermutlich weil wir auch den Frust über das Wetter ausgleichen mussten. Frei nach dem Motto: Ich tanz drauf! Den Abschluss bildete Deichkind an diesem Abend, die Väter aller deutschen Elektro-Bands schlechthin. Ihre pompöse Lichtshow ist ein Erlebnis für sich. Wir hatten schon auf dem Open Flair letztes Jahr das Vergnügen und hatten das Gefühl, dass das halbe Festival beim Auftritt dabei war. Von Plastiksäcken über das Schlauchboot bis hin zum Wodkafass- bei Deichkind ist alles dabei. Ein Highlight jedes Festivals.

Am Sonntag besuchten wir am Anfang  Bands wie Biffy Clyro, Kashmir und White Lies. Von letzteren kannte ich schon „To lose my life“, eine Editors-vergleichbare Alternativ-Hymne. Tiefe Stimme, düstere Gitarrenklänge. Eine Band mit Potenzial. Two Door Cinema Club erwarteten uns dann im roten Zelt. Die gehypten drei Iren spielten eine dreiviertel Stunde lang ihr ganzes Album „Tourist History“ runter und die Menge jumpte mit. Jedes Indie-Pop-Lied ließ die Leute abgehen und die schüchterne Band bedankte sich brav für den Applaus. Sauberer Auftritt, jedoch ohne jegliche Show. Arrogante Rockstars sind sie eben doch noch nicht. Zum Glück. Erst mal kippte meine Stimmung ziemlich, als Bonaparte auftrat und es unglaublich eng in dem kleinen Zelt wurde und man jeden Schweißtropfen vom Nachbar abbekam.  Wir verloren unseren guten Platz vorne und wurden zwanzig Reihen zurückgedrängt. Von der Band sahen wir also nichts mehr. Dann kamen noch paar Jungs auf die glorreiche Idee, sich noch durch die Menge nach vorne zu drängen und alle im Weg wegzuschubsen. Meine Laune war am Tiefpunkt. Zusammengefasst bekam ich nichts von der crazy Live-Show  Bonapartes mit und wollte nur noch raus aus dem Gedränge. Schade um das Konzert, da ich den Zirkus aber schon kannte, hatte ich nicht viel verpasst.

Nach einer Verschnaufpause ging es dann zur Blue Stage zurück zum schwedischen Rockexport Nummer Eins Mando Diao. Die Jungs sah ich jetzt zum vierten Mal und es wurde nie langweilig. Wie immer schwarz gekleidet brachten sie die Menge zum explodieren und das Dreamteam Gustaf und Björn sangen einen Hit nach dem anderen. Die Fünf sind schon ein Phänomen, betrachtet man ihren riesen Erfolg. Sie sind nun eine feste Festivalgröße und nicht mehr aus der Rockszene wegzudenken. Songs wie „Down in the Past“, „Long before Rock´n Roll“ oder „Dance with Somebody“ kennt jeder und singt jeder mit. Gustaf bedankte sich während der Show  bei den treuen Fans und meinte, er wäre sehr stolz, dass er wieder hier sein dürfe. Er wirkte zwar ziemlich aufgeputscht, doch das war egal. Die Show war wie immer sensationell und ein perfekter Abschluss für das lange Wochenende.

Das Southside 2010 wird jedem lang in Erinnerung bleiben, nicht nur wegen dem ganzen Schlamm auf den Klamotten, sondern auch wegen den vielen Ausnahme-Bands, die sich auf den vier Bühnen die Ehre gaben. Das Festival ist eh bekannt für sein gut gemischtes Line-Up, sodass für jeden etwas dabei ist. Ich habe viele meiner Lieblingsbands gesehen und bin gespannt, ob das nächste Jahr 2010 toppen kann. In diesem Fall weiß ich jedenfalls schon, was ich definitiv mitnehmen werde: Gummistiefel!

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