Folklore Part II

Als ich für das Wochenende 27.- bis 29. August den Wetterbericht sah, floss es mir eiskalt den Rücken runter. Nein, nicht schon wieder so ein scheiß Wetter wie auf dem Southside. Nicht schon wieder so viel Matsch und Nässe. Dann fiel mir ein, dass das Festival ja in Wiesbaden stattfindet und ich in aller Ruhe jeden Abend wieder zurück nach Hause fahren kann, wo mein warmes Bett auf mich wartet. Mit diesem Gedanken konnte ich mich entspannt auf die drei Tage freuen.

Freitag war das Wetter am schlechtesten, doch wir hörten uns gut gelaunt den ersten Act namens Cargo City aus Frankfurt an. Hinter dem Namen steht Simon Konrad, der seit 2007  Indierock mit Akkustikgitarre spielt, begleitet von Piano und Synthesizer. Mit seinen melancholisch angehauchten Gitarrensounds hat er vier Songs für den Soundtrack von „Vincent will Meer“ beigesteuert und schon den Musikexpress positiv überzeugt. Immer schön hoch die Karriereleiter. Um halb acht trat Gisbert zu Knyphausen auf, ein Name, den ich schon oft in irgendwelchen Zeitschriften gelesen , aber nie live gesehen habe. Das tat ich auch auf Folklore nicht. Es kann sein, dass er der ultimative neue Singer/Songwriter am deutschen Musikerhimmel ist, aber meinen Geschmack trifft er jedenfalls nicht. Blumentopf waren der Headliner am Abend und heizten mit ihren Hip-Hop Beats dem Publikum ein. Am meisten beeindruckt war ich von den Freestyle-Einlagen der vier Rapper, die aber zehnmal darauf zurückkamen, dass sie den Gig  beinah verpasst hätten, da sie im Stau standen. Wir hatten es schon beim ersten Mal kapiert! Die Show war in Ordnung.

Später traten noch Turbostaat und Frittenbude in der Halle auf, doch zu ihren Auftritten war ich nicht mehr anwesend. Für Bands, die ich eh nicht höre, hatte ich keine Lust, mich vor dem Raum fast zerquetschen zu lassen. Freitag war letztendlich ernüchternd von der Bandauswahl.

Samstag war schon deutlich besser. Trotz des wechselhaften Wetters amüsierten wir uns mit Olli Schulz, der die Zuschauer mit seinen witzigen Anekdoten zum Lachen brachte. Alleine nur mit einer Akkustikgitarre ausgerüstet präsentierte der deutsche Liedermacher seine Songs , die mitten aus dem Leben erzählen. Zeilen wie „Du bist so lange einsam, bist du lernst alleine zu sein“ oder „Die Leute denken wir sind betrunken, dabei sind wir bloß Freunde“ protzen zwar nicht mit Tiefsinn, handeln aber von Liebe, Freundschaft und Lebensfreude. Dinge, mit denen sich jeder identifizieren kann. Seine Auftritte sind immer ein Vorbeischauen wert. Um 19 Uhr schaute ich mir zum ersten Mal einen Poetry-Slam an, ein Gedichtswettbewerb, dessen Gewinner zu einem bundesweiten Poetry-Slam-Contest fahren darf. Die zehn Teilnehmer präsentierten wirklich originelle Texte und brachten das Publikum zum Lachen und Schmunzeln. Am Ende gewann ein älterer Mann aus Mainz unfairerweise durch Schnick, Schnack, Schnuck gegen jemanden aus Berlin. Da man den größeren Applaus für einen Finalisten nicht raushören konnte, musste es leider so zu einer Lösung kommen.

Um halb zehn trat dann der Headliner des ganzen Festivals auf: Tocotronic. Die vier deutschen Indierocker begeistern viele mit ihren Sounds und ihren anspruchsvollen Texten. Nun, mich nicht. Der Sänger wirkt zu arrogant und exzentrisch, was seine tief-düstere Stimme noch mehr unterlegt, und die Musik ist auch nicht sonderlich der Hit. Die deutsche Sprache erscheint mir persönlich einfach unpassend für Indierock.

In der Halle angekommen erwarteten wir gespannt Bodi Bill aus Berlin. In dem Übersichtsheftchen wurden sie als Mix aus Elektro, Folk und Kammerpop beschrieben- interessante Mischung. Auf der Bühne standen nun drei Pulte mit Apple-Notebooks und tausenden Anschlüssen. Dann traten drei Herren in einer Art Malerkostüm auf. Der eine in Blau, der zweite in orange und der dritte in grau. Ihre Elektro-Beats brachten die Menge zum tanzen und die Band bewegte sich ebenfalls. Der Hauptsänger spielte manchmal Gitarre und der andere in Blau holte bei einem Track seine Geige hervor. Moderne Technik verbunden mit klassischen Instrumenten-genial. Eine kleine Tanzeinlage der Band vor den Pulten brachte ihr weitere Pluspunkte ein und die Show war damit komplett. Nach einer Stunde war es leider schon vorbei, aber WhoMadeWho bildeten den perfekten Abschluss für den Abend. Das dänische Trio macht Elektro-Rock  mit Disco-Grooves oder so ähnlich. Jedenfalls spielten die sympathischen Herren ihre Stücke mit der gleichen Freude so wie das Publikum abging. Höhepunkt war das Cover von „Satisfaction“, zu dem die Masse tobte. Jeder hatte Spaß und die Stunde verging wie im Flug. Die Band spielte noch zwei Songs extra und dann war der Gig schon rum. Wir waren total verschwitzt aber happy. Der Samstag hatte den lahmen Freitag voll und ganz ausgeglichen und wir freuten uns auf den Sonntag.

Ab 16 Uhr konnten ausgewählte Bands aus der Umgebung ihr Talent für eine halbe Stunde unter Beweis stellen. Los gings mit Sir Toby, eine Mainzer Indierock-Band, die englisch singt und ziemlich viel Potenzial hat. Die Ähnlichkeit mit den Kilians ist deutlich zu hören, vor allem klingt das eine Gitarrensolo des Liedes, dessen Name ich leider nicht kenne, schwer wie das von „Enforce yourself“. Trotzdem hören sich ihre Songs gut an und vielleicht werden sie ja die Nachfolger der Kilians. Weiter gings mit Run Venezuela, die ich leider kaum mitbekommen habe, aber sich auch sehr gut angehört haben. The C-Types kamen als nächstes und lieferten eine coole Show ab. Mit ihren selbst bezeichneten „Surrelistic Surf Songs from Satan Somehow“ rockten sie die kleine Räucherkammerbühne und gaben cool-lasziv ihren Industrial-Rock zum Besten. Vor allem der Sänger machte auf ultracoolen Rockstar und spielte sogar mit einer Bierflasche auf den Gitarrensaiten. Na dann.

Um viertel nach acht wechselten wir kurz nach draußen, um die süße Miss Li aus Stockholm zu sehen. Mit ihren poppigen Chansons und der etwas piepsigen Stimme verzauberte sie ihr Publikum und wir bemerkten das schlechte Wetter gar nicht mehr. Miss Li ist ein echter Geheimtipp für alle, die auch auf Lenka und Marit Larsen stehen. Die Kälte verleitete mich dennoch wieder dazu, in die Räucherkammer zu gehen und mir die letzte Band Smoot Mather Project anzuschauen. Das Trio aus Berlin und Wiesbaden spielt laut Myspace-Seite Cosmic Noise Pop, was ich beim ersten Lied nicht nachvollziehen konnte. Dieses klang eher wie Cello-Hardrock, aber die nächsten wurden dann glücklicherweise poppiger. Auffällig kam der Sänger daher, der mit einer venezianischen Maske im Gesicht auf seinem Cello klimperte und melancholisch in sein Mikro hauchte. Originelle Band. Die Gigs der lokalen Gruppen waren  sehr abwechslungsreich und vielversprechend, einige haben wirklich Potenzial.

Folklore 2010 konnte mich trotz des schlechten Wetters mit seinen Bands im Gesamten überzeugen und es ist immer wieder ein Erlebnis, dieses alte Hippie-Festival zu besuchen. Nächstes Jahr werde ich definitiv wieder am Start sein, nur wünsche ich mir bitte mal zur Abwechslung viel Sonnenschein.

Advertisements

Hinterlasse einen Kommentar

Eingeordnet unter Live

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s