Interpol – Auf der Suche nach sich selbst

Eine Ära geht zu Ende. Carlos Dengler verließ nach der Fertigstellung des vierten Albums diesen Jahres Interpol und ließ seine drei Bandmitglieder allein zurück. In einem Interview meinten sie, dass Dengler sich anderen Dingen widmen wolle und das Bassspielen mehr zu einer Pflicht geworden sei, als ein Vergnügen. Die Band sei zwar sehr traurig darüber, habe aber keine Angst, ohne Dengler den Boden zu verlieren. „Wir sind alle sehr fähige Musiker.“, so Schlagzeuger Sam Fogarino. Das beweisen sie auch auf ihrem aktuellen Album mit dem schlichten Titel „Interpol“, das seit 3. September hier erhältlich ist. Die New Yorker wenden sich vom poetischen Sound von „Our Love To Admire“ hin zum Melancholie-Orchester  in allesamt dunkler Atmosphäre. Und das macht die vierte Platte zur düstersten, aber auch zur verzerrtesten des ehemaligen Quartetts.  Schon während der Aufnahmen war klar, dass dies die letzte Arbeit zu viert sein sollte, doch halbherzig ging keiner an die Platte ran. „Für keines unserer Alben zuvor hatten wir uns schon im Vorfeld so viele Gedanken gemacht,  und es war vor allem der Wunsch von Carlos, eine Menge Arbeit in die Konzeption zu investieren.“, so Drummer Fogarino im Interview mit der Zeitschrift „Visions“.

Viele Musikkritiker bezeichnen „Interpol“ gerade aufgrund des Fehlens der üblichen Gitarren-Präsenz und eingängigen Melodien als bisher bestes Album der Band. Belassen wir es zunächst dabei, dass es das unkommerziellste ist, auf dem sich nicht hitverdächtige Songs aneinander reihen. „Lights“ ist die erste Auskopplung und alles andere als die typische Single. Zäh und sperrig zieht sich der Track fünfeinhalb Minuten durch ein Gitarrengerummel und Paul Banks echoartiger Stimme. „Thats´s why I hold you dear“ in der gefühlten Endlosschleife. Das Video dazu schließt sich zwar dem düsteren Sound an, aber der Sinn von zwei schwarz gekleideten Asiatinnen, die einer anderen eine milchige Flüssigkeit verpassen, die sie gegen Ende wieder ausleert, mag mir irgendwie nicht einleuchten. Vielleicht fehlt mir auch das richtige Ästehtikgefühl dafür; die Kommentare unter dem YouTube-Video helfen mir dabei auch nicht weiter. Jedenfalls ist Lights stellvertretend für den Gesamtklang des Albums. Düster, verzerrt, verstört und zutiefst leidig. Der Sänger Banks betont im Interview mit „Visions“ , dass sich die chauvinistischen Texte von „Our Love To Admire“ nicht noch mal wiederholen sollen ( chauvinistisch? Dafür habe ich nicht genug auf die Lyrics geachtet, um das beurteilen zu können ). Deswegen geht er auf „Interpol“ aufs Ganze. Es geht um das Leiden des Mannes, der vergeblich versucht, seine Herzdame zurückzugewinnen, als es jedoch schon zu spät ist. “ Tell me you´re mine. Baby tell me you´re mine to break the ice. Does he make you smile? Does he fully embrace the way? (…) I know you will make it up. Make it up for me.“ , heißt es in All Of The Ways, ein trauriger Synthie- Fluss, in dem Banks sich in das Tief seiner Seele hineinschauen zu lassen scheint.

Das vierte Werk grenzt sich deutlich von den drei Vorgängern ab. Es sind weder dominante Gitarren-Riffs vorhanden, außer bei Barricade, noch haben Songs die provokante Energie eines Slow Hands oder The Heinrich Maneuver. Drückt man es sehr negativ aus, hat die Platte fast schon was von depressivem Rumgejammere. Doch so weit geht es dann zum Glück noch nicht. Das vielfach diskutierte Always Malaise ist wohl der Höhepunkt der Andersartigkeit. Das Piano klimpert tiefbeseelt in seine Tasten und die Gitarre tritt vollkommen in den Hintergrund. Erst in der letzten Minute des Liedes setzen Drums und Gitarre ein, führen diese verstörende Depri-Stimmung weiter und enden einfach abrupt. „Always, you need me lover. For all ways, release me lover.“ Ein purer (T)Akt der Verzweiflung.

Summer Well ist noch einer der paar Tracks, die nicht so extrem schwermütig und wehleidig klingen, wahrscheinlich wegen des etwas schnelleren Rhythmus. Die Texte bleiben jedoch. Banks, der 2009 sein erstes Solo-Album unter dem Namen Julian Plenti veröffentlicht hatte, meint dazu: „Jeder Mann ist beides: großer Held und gnadenloser Verlierer. Mich für dieses Album meiner orientierungslosen Seite zu widmen, machte mir Spaß.“ Orientierungslosigkeit ist wohl das richtige Stichwort, dass einige Kritiker verwenden, um den Schwachpunkt des Albums zu erklären. Banks verheddert sich an manchen Stellen in seiner schwarzgetränkten Tiefgründigkeit und lässt keinen Platz für geradliniges Tempo. Die Energie fehlt einfach. Memory Serves klingt wie schlaffes Kaugummi, das langgezogen wird und verliert sich in seinem beklagenden Stimmenchor.

Das großartige Barricade ist das mit Abstand herausragendste Lied auf der ganzen Platte. Endlich mal wieder der alte Interpol-Sound, gitarrenlastig, schnelles Tempo, Post-Punk Revival in bestem Maßen. Es erinnert noch am meisten an die Vorgänger-Alben und mag auch nicht wirklich auf „Interpol“ passen- Das beste Lied, aber zugleich das kommerziellste. The Undoing ist das letzte Stück. Der Bass spielt schon keine Rolle mehr und Banks rutscht zum Teil ins Spanische ab. Ein ausklingendes Lied, das noch einmal voll und ganz die schwulstige Düster-Stimmung des Albums zusammenfasst. Aber so sind Interpol nun mal. Der zynische Sound ist geblieben, eben nur noch verstärkt.

Vielleicht sind sie mehr Interpol als je zuvor, was den gleichnamigen Albumtitel erklären könnte, aber es ist vermutlich eher eine Art Identitätssuche, vor allem provoziert  mit dem Ausstieg von Bassist Dengler. Das orientierungslose Gedudel bei manchen Songs würde wohl dazu passen. Die Platte ist natürlich nicht schlecht, die beste ist sie aber definitiv nicht. Dazu sind die meisten Tracks nicht eingängig und stark genug. Es ist das experimentellste und gleichzeitig tiefgründigste Album der Band, manchmal aber eben etwas zu tiefgründig. Bleibt abzuwarten, inwiefern sich der Klang Interpols noch verändern wird mit neuem Bassisten und festem Keyboarder in der Band. Eins steht fest: Fröhliche Gute-Laune-Musik wird es jedenfalls nicht werden.

https://indielikat.wordpress.com/2010/09/10/die-10-besten-interpol-songs/

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