Noch ein Geheimtipp: Das Phono Pop Festival – Tag 1 mit Bodi Bill und Hundreds

Letztes Wochenende führte uns unser guter Musikgeschmack zu einem echten Geheimtipp und einem sehr extravaganten Festivalort: das Phono Pop Festival, das im alten Opelwerk in Rüsselsheim stattfindet.
Zwei Bühnen, die kleinere Klangkantine und die größere Hauptbühne, aufgebaut auf den asphaltierten Transportwegen zwischen den früheren Fabrikgebäuden. Diese wurden abends dann mit Scheinwerfern be- und von innen ausgeleuchtet, so dass sich eine einmalige Atmosphäre entwickelte.
Eine Berichterstattung in zwei Akten.

I: Freitag

Am frühen Abend, als es noch hell und die Bands noch unbekannter waren, war noch nicht viel los auf dem Festivalgelände, so dass wir uns erstmal in Ruhe umschauten. Auf der Hauptbühne eröffnete um 19 Uhr die Rüsselsheimer Band Sweets For My Zebra. Ein etwas uninspirierter Auftritt einer typisch jungen „wir sind die Coolsten und zeigen das jedem“-Rockband, wie es sie wie Sand am Meer gibt.
Bereits an dieser Stelle ein lobendes Wort zum Zeitplan: Man konnte, wenn man wollte, jeden Act sehen, die Auftritte auf beiden Bühnen waren nie gleichzeitig sondern immer im Wechsel angesetzt.
Touchy MobDaher ging es dann mit Touchy Mob auf der kleinen Bühne weiter. Was sich dem Namen nach nach einer großen Gruppe anhört ist in Wirklichkeit ein Ein-Mann-Projekt, Ludwig Plath aus Berlin mit einem viel perfekteren Topfschnitt als Angela Merkel ihn je hatte und dazu einen an den Weihnachtsmann erinnernden Vollbart. Etwas verwirrt wirkte er da auf der Bühne, als er einzelne Musikfragmente, mal folkig mit der Gitarre mal elektronisch zusammenstückelte und nach der Hälfte seines Auftritts erklärte, dass jetzt der Soundcheck abgeschlossen sei. Alles irgendwie sympathisch, musikalisch blieb leider nicht viel hängen.

Der nächste Auftritt war dann allerdingsWho Knew bereits ein Highlight: In die isländische Indie-Kapelle Who Knew hatte ich schon vorher Erwartungen gesetzt, die dann noch übertroffen wurden. Ihr Powerpop ist wie geschaffen für eine tolle Show, sechs Leute auf der Bühne können schließlich ordentlich krach machen – aber das dann eben auch immer in schönen Melodien. Dazu die hohen Stimmen, das klang schon irgendwie besonders. Sänger Armann hüpfte herum wie ein Hobbit mit ADHS und versuchte immer wieder sein „deutsches Vokabular“ zu präsentieren: „Magst du Urlaub? Ich auch. Ein bisschen.“
Who KnewEinen Headbang-Wettbewerb gab es dann auch und die Siegerin gewann den exklusiven Who Knew-Jutebeutel. Dass die Isländer bereits im Jahr vorher begeistert haben müssen, konnte man sich sehr gut vorstellen, und dass sie deshalb ihr erstes „Upgrade“ erhalten hatten und sie in diesem Jahr auf der Hauptbühne spielen durften, schien sie sehr stolz zu machen.
Aus irgendeinem Grund bekammen wir vom folgenden Auftritt der Future Islands kaum etwas mit, weshalb zu ihnen auch nichts sagen kann.
Entgegen normaler Festivaltraditionen war DER Headliner an diesem Abend nicht als letztes dran, die Veranstalter hatten sich zum Glück aus dramaturgischen Gründen dazu entschieden, Junip zeitlich vor den Elektrogruppen Hundreds und Bodi Bill auftreten zu lassen.Junip

Die Band um Sänger José Gonzales spielten ein wirklich schönes Liveset aus melancholisch-schönen Songs, die auf die Dauer zwar ein wenig monoton wirkten, andererseits auch irgendwie zum Träumen einluden.
Daher waren wir danach auch ein wenig müde, wurden vom folgenden Auftritt aber wieder aufgeweckt.
Hundreds, das Elektro-Geschwisterduo aus Hamburg, enterten die Klangkantine zusammen mit zwei zusätzlichen Drummern. Philip setzte sich ganz zurückhaltend an den LaptopHundreds und das Keyboard, während Eva, in einen schwarzen Umhang gehüllt, die Show gestaltete. Und diese ist dann auch ziemlich einrucksvoll durch Evas besondere Stimme, ihre Bewegungen zu den Lichteffekten, die Klaviermelodien und die Beats dazu. Einerseits partymäßig abgehend, andererseits aber auch melancholisch-betörend. Die perfekte Mischung also.
Als krönenden Abschluss des Abends gab es auf der Hauptbühne dann die Berliner Elektrocombo Bodi Bill. Passend diese Reihenfolge, ihre letzte Tour absolvierten Bodi Bill und Hundreds ja auch schon gemeinsam.
Die drei Jungs sind live jedenfalls ein ziemliches Phänomen: Sie präsentieren sich eigentlich nicht nur als einfache Band sondern sind eigentlich schon eher so etwas wie Performance-Künstler. Live funktioniert einfach jeder Song, auch wenn er auf Platte vielleicht unspektakulär klingt. Denn die Show gibt den Mehrwert. Videoprojektionen auf der Leinwand, wechselnde Instrumente und Standorte der drei Bandmitglieder und sehr abgefahrene Kostüme und Requisiten – das sind die Elemente, die eine Bodi Bill – Performance ausmachen.bodi bill
Stärkere Beats bringen das Publikum zum Tanzen, doch auch ruhige Songs wie Garden Dress, das sich hauptsächlich durch das schöne Geigenspiel auszeichnet, finden ihren Platz im Liveset. Gerade auch diese musikalische Vielseitigkeit macht Bodi Bill so besonders, man kann sie gar nicht auf reine Elektromusik festmachen, da musizieren sie auf dem Laptop, auf der schon erwähnten Geige, aber auch der E-Gitarre im fliegenden Wechsel oder gleichzeitig. Bleiben gleichzeitig bodenständig und publikumsnah, darüber hinaus dann auch geheimnisvoll, denn was es mit einigen der Videobotschaften auf der Leinwand oder den Kostümierungen auf sich hat, kann nur spekuliert werden. Ein großer Knochen oder ein Steinkostüm – wollen sich die Berliner als Geschichtslehrer geben? Oder wird dort vielleicht Stanley Kubricks Meisterwerk 2001: A Space Odyssey zitiert, auch wenn die Steinverkleidung aus Pappmaché optisch ziemlich wenig Gemeinsamkeiten mit dem glatten schwarzen Monolithen aus dem Film hat. Man weiß es nicht, doch es hat natürlich deshalb seinen besonderen Reiz. Zum Schluss gab es I Like Holden Caulfield, diesmal eindeutig eine Anlehnung an The Catcher in the Rye von J.D. Salinger, aber auch ein ziemlich guter Partysong. Und somit der gelungene Abschluss des ersten Festivalabends.

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