Kasabian – Velociraptor!

Kasabian – was gibt es zu der britischen Überband im Moment eigentlich noch zu sagen, das sie nicht schon selbst von sich gegeben haben? Mit ihrem 4. Album Velociraptor! haben sie uns jedenfalls ein ziemlich dickes Ding vorgesetzt, das beim ersten Hören gar nicht komplett erfasst werden kann.

Serge Pizzorno äußerte sich laut NME folgendermaßen zum neuen Album: ‚It’s heavier than I thought it would be. It squares up to you and doesn’t leave you alone. It’s really in your face. It’s a real jukebox album, just tune after tune, with really strong verses and really strong choruses.
Das beschreibt die Platte eigentlich ziemlich gut. Es ist tatsächlich ein Album, das einen nicht mehr loslässt. Ich persönlich habe schon lange kein Album mehr so intensiv gehört wie Velociraptor!. Mit jedem Hören wächst es, jeder Song hat etwas Besonderes, etwas Fesselndes, und man kann immer neue Facetten erkennen. Dabei sind sich Kasabian musikalisch treu geblieben – ihre weitläufigen früheren Experimente münden jetzt allerdings in komplett in sich geschlossene, sehr gute Songs. Diese sind am besten einzeln zu betrachten, denn ein in sich geschlossenes Album mit einem übergeordneten Zusammenhang kann man Velociraptor! nicht nennen.

Nicht nur der Titel des Albums oder die vollmundigen Ansagen zeigen, dass Kasabian auf Angriff gehen: der Eröffnungssong Let’s Roll Just Like We Used To beginnt mit einem Gongschlag und einer Fanfare. Danach entspannt sich eine mitreißende Hymne an die Jugend und längst vergangene Zeiten.
Nicht weniger energiegeladen geht es mit Days Are Forgotten, der zweiten Single des Albums, weiter. Ein rollender Beat wie man ihn von alten Kasabian-Hits kennt,  Tom Meighans aggressiv-fordernder Gesang, ein leicht psychedelischer Backgroundchor und ein perfekt produzierter Refrain machen diesen Popsong im besten Sinne des Wortes aus.
Mit Goodbye Kiss kommt die einzig wirkliche Ballade daher, die zwar ein wenig das Tempo rausnimmt, aber für einen langsamen Song eigentlich immer noch zu schnell ist und alles balladeske sehr gut konzentriert: Man fühlt die Wehmut, ohne dass der Song zu kitschig wird, während die traurig-schöne Geschichte einer vergangenen Liebe erzählt wird.
Relativ ruhig geht es dann auch mit La Fee Verte weiter, meiner Meinung nach einer der besten Tracks des Albums, besonders wegen der schönen Melodie des Refrains. Der Text zitiert nicht nur ganz direkt zu Beginn den wohl berühmtesten LSD-Song der Musikgeschichte (Lucy in the Sky With Diamonds von den Beatles), sondern klingt auch sonst ziemlich nach einem Trip, was auch durch die musikalischen Mittel noch einmal verstärkt wird.
Der Titeltrack Velociraptor! fährt dagegen wieder schwerere Geschütze auf. Die aggressive Energie ist den ganzen Song über präsent, allerdings kann er mich melodisch sowie textlich nicht so sehr überzeugen.
Ganz anders Acid Turkish Bath (Shelter From The Storm):  Wie man vom Namen schon erwarten kann, ist es der psychedelischste Song des Albums und klingt außerdem sehr orientalisch. Mit 6 Minuten ist es außerdem das längste Lied, ist aber so abwechslungsreich, dass es nie langweilig wird.
Das darauffolgende I Hear Voices besticht durch seinen Beat und die dominante Keyboardmelodie, sowie durch seine Düsternis. Angeblich sollen die Lyrics auf Velociraptor! sehr viel persönlicher sein als früher, hoffentlich bedeutet das nicht, dass wir uns um Kasabian Gedanken machen müssen: My soul you can have it ‚cause it don’t mean shit. I’d sell it to the devil for another hit, heißt es darin nämlich. Klingt als Zitat aber ziemlich cool.
Re-wired danach hört sich wie ein typischer Kasabian-Song an, von den Instrumenten, dem Tempo und dem Aufbau her erinnert es stark an L.S.F. (Lost Souls Forever)  vom ersten Album – was beweist, dass es eben doch Bands gibt, die sich gleichzeitig weiterentwickeln wie sich treu bleiben können.
Natürlich klingt auch Man of Simple Pleasures nach Kasabian, wobei es auch an Oasis in guten Zeiten erinnert. Allgemein könnte man den Song schon fast als eine Art „Gute Laune – Song“ bezeichnen, allerdings mit einem düsteren Touch.
Switchblade Smiles, das vorab schon als Single veröffentlicht wurde, ist der extremste Song auf Velociraptor!, der durch seine zerstörerische Energie und die etwas verstörenden Schreie und Rythmuswechsel lebt. Die Grenze zwischen extrem cool und zu überladen erreichen Kasabian hier zwar, überschreiten sie aber nicht.
Nach diesem finalen Hammer kommt als 11. und letzter Track Neon Noon, sozusagen als „Rausschmeißer“. Der ruhige Song ist von der Struktur her ähnlich wie La Fee Verte, aber eindeutig etwas langweiliger. Ihn ans Ende zu setzen war die einzig richtige Entscheidung, wobei ein krachendes Ende mit Switchblade Smiles auch reizvoll gewesen wäre.

Man muss schon sagen, dass Kasabian mit Velociraptor! ein Meisterwerk gelungen ist, dass sie verdientermaßen in der Reihe von Britanniens Rockgrößen etabliert. Bis hierher kann ich außerdem für mich behaupten, dass wir es hier mit dem besten Album dieses Jahres zu tun haben.   

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