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Bands machen die Reeperbahn unsicher

Es war eine ziemlich spontane Entscheidung: Über das Wochenende war ich zu Besuch in Hamburg und dann kamen wir auf die Idee, den Samstagabend doch auf dem Reeperbahnfestival zu verbringen. Da spielten von Donnerstag bis Samstag in allen möglichen Clubs über die ganze legendäre Reeperbahn verteilt Bands oder Solokünstler. Kunst und Filme gab’s außerdem auch zu bestaunen. 30 Euro kostete die Tageskarte, die wir uns dann am Samstagvormittag auch holten. Und das zahlte sich auch wirklich aus!

Im Gegensatz zu sonstigen Festivals, gab es hier kein abgesperrtes Festivalgelände, die Reeperbahn war wie auch sonst für jedermann zugänglich und auch unabhängig vom Festival ging hier einiges ab. Man kann also sagen, das jeder hier auf seine Kosten kam.

Es beteiligten sich wirklich viele Clubs am Festival und dementsprechend viele Konzerte wurden angeboten. Daher spielten viele interessante Künstler gleichzeitig oder die Auftritte überschnitten sich zeitlich. Und die Reeperbahn ist ja auch ziemlich lang, daher dauerte es auch mal eine Viertelstunde um von der einen Band zur anderen zu wechseln, da bot sich auch mal eine Station mit der U-Bahn an. So war es uns leider nicht vergönnt, alle Konzerte, die uns interessierten, zumindest in ihrer vollen Länge zu sehen, aber wir waren mit unserer „Ausbeute“ schließlich doch ganz zufrieden.

Wir begannen in der Großen Freiheit 37 mit den Fotos. Ich muss ja sagen, dass ich ein zwiegespaltener Fotos-Hörer bin: Der große Teil ihrer ersten beiden Alben gefällt mir überhaupt nicht, ist mir zu langweilig, zu gleich klingend, zu glatt poliert. Dafür gibt es zwei Songs, die ganz oben mit drin sind in meiner Allzeit-Lieblingsliste: Ja, das ist einmal Giganten, das wohl beliebteste Fotos-Lied und dann noch Viele, ein ebenfalls sehr ruhiges leicht melancholisches Lied.

Inzwischen haben die Fotos ja ihr neues Album Porzellan veröffentlicht, das ziemlich anders klingt, als seine Vorgänger. Überhaupt nicht glatt poliert, sehr viel Hall sehr viel Krach. Nur das urtypische Fotos-Stilmittel, die häufigen Wiederholungen, ist geblieben.

Und der Auftritt in Hamburg erfolgte ganz im Stil des neuen Albums, aus dem natürlich auch die meisten Lieder gespielt wurden. Dementsprechend laut war es, dass einem später richtig die Ohren klingelten, ein Rockfeuerwerk zündeten sie deshalb noch lange nicht, dafür war das alles etwas zu statisch. Sympathisch kamen sie aber auf alle Fälle rüber, Sänger Tom Hessler mimte Dirk von Lowtzow und sagte lieber wenig als zu viel, der Rest der band hielt sich auch zurück. Überhaupt schienen Worte ziemlich im Hintergrund zu stehen, der neue krachende Sound übertönte häufig Hesslers Stimme und so wurde für mich dann auch aus Nach dem Goldrausch, nachdem mir der Titel kurzfristig entfallen war, „Nachts im Waldhaus“.

Der Höhepunkt des Fotos-Auftritts war für mich Viele, mit dem ich gar nicht gerechnet hatte. Normalerweise mag ich Giganten noch mehr, doch das gefiel mir live nicht so gut, warum kann ich gar nicht sagen. Insgesamt fand ich den Auftritt ziemlich überraschend und das mehr positiv als negativ.

Fotos-Sänger Tom Hessler

Das Reeperbahnfestival warb damit, dass viele Künstler aus dem hohen Norden vertreten waren, wobei wir von den Dänen, Finnen und Isländern nichts sahen, doch die nächsten Auftritte waren ganz skandinavisch: Zunächst machten wir uns auf in die Beatlemania, denn wie jeder Musikfan wissen sollte, waren die Beatles zu Beginn ihrer Karriere in Hamburg aktiv, und dementsprechend gibt es jetzt dort einen „Beatlesplatz“ und natürlich auch ein Beatles-Museum. Dieses beherbergt auch eine Bar und es können eben auch Bands auftreten. Dort war es dann zwar ziemlich eng, sobald mal ein paar Zuschauer gekommen waren, aber trotzdem eine wirklich coole Location. Wir sahen dort den Auftritt von Bye Bye Bicycle, einer Indiepopformation aus Schweden. Ich kannte sie vorher nicht, bin aber jetzt schon so ein kleiner Fan. Die Lieder sind fröhlich und tanzbar und haben etwas sehr Sympathisches und auch Witziges. Letzteres lag hauptsächlich an der Performance des Sängers, der sich auf der Bühne austobte, interessante Bewegungen und Gesten vollführte und schließlich auch noch sein T-Shirt zerriss. Schließlich gaben sie auch noch zwei Zugaben und spielten sich endgültig in das Herz des Publikums.

Bye Bye Bicycle im Video:

Der nächste Act auf unserer Liste war ebenfalls ein Schwede: Kristofer Åström. Als wir in den Fliegenden Bauten – eine Art Zirkuszelt – ankamen, war sein Auftritt leider schon fast vorbei, zwei Lieder bekamen wir aber noch mit. Es war eine ganz andere Atmosphäre als bei den Bicycles vorher – Åström stand alleine mit seiner Gitarre auf der Bühne, das Publikum saß auf Stühlen oder, weil kein Platz mehr war, auf dem Boden. Dementsprechend ruhig waren auch die Lieder, die von Herzschmerz erzählten. Es klang alles schon so ein bisschen wie: „Ich erzähl’ jetzt eine Liebesschnulze und klampfe dazu ein bisschen auf meiner Gitarre“ – die Lieder, die ich von ihm kenne, sind schon mehr richtige Songs – doch aufgrund seiner ebenso starken Stimme wie sein Gitarrenspiel, war es doch schön anzuhören und gerade noch nicht zu kitschig.

Ganz allein mit seiner Gitarre: Kristofer Åström

Weiter ging es mit Singer-Songwriter, diesmal eine Frau und diesmal aus Norwegen: Marit Larsen. Dass sie um Einiges bekannter ist, als Kristofer Åström ist zwar nicht verständlich, war aber deutlich zu erkennen am Auftrittsort (Docks) und der Menge des Publikums. Wir kamen so ungefähr zur Mitte des Konzerts und konnten kaum noch etwas sehen – was aber auch nicht weiter schlimm war. Das kleine Mädchen ist bei ihr eben nicht nur ein Image, es ist auf der Bühne, auf die sie sich ohne die Unterstützung ihrer zahlreich aufgestellten Begleiterband wahrscheinlich gar nicht getraut hatte. Man kann ruhig sagen, dass das doch total lieb und nett und putzig und sonst was ist, aber mir war das einfach zu brav. Und die Musik haut mich jetzt auch nicht so dermaßen vom Hocker. Wir verließen das Konzert dann auch wieder etwas früher.

In der Beatlemania hatten wir von einer kurzfristigen Programmänderung erfahren, der zufolge Carl Norén, seines Zeichens Frontmann von Sugarplum Fariy, als Solokünstler später noch im Beatles-Museum auftreten sollte. Wir rangen mit uns, entschieden uns dann aber doch, zu The Black Box Revelation zu gehen, Singer-Songrwriter hatten wir jetzt irgendwie genug gesehen. Außerdem kannten wir Carl ja schon live, im Gegensatz zu dem belgischen Duo.

The Black Box Revelation machten ziemlich viel Krach

Auch hier war der kleine Club schon ziemlich voll und der Auftritt zeitlich ziemlich weit fortgeschritten. Zuerst sahen wir überhaupt nichts, bis wir einen fast versteckten Gang entdeckten, der uns auf eine Art Balkon führte, von dem aus wir direkt auf die Bühne schauen konnten. Das ging dann auch wirklich gut ab.

Denn nicht erst seit Johnossi weiß man, wie viel Krach ein Drummer und ein Gitarrist auf der Bühne so machen können. Die Songs von The Black Box Revelation bestehen hauptsächlich aus krachenden Drums und langen, nur teilweise verzerrten Gitarrensoli. Manchmal kommt dann auch ein bisschen Gesang von Gitarrist Jan dazu, aber der ist eher nebensächlich.

Die beiden Belgier verstehen ihr Handwerk jedenfalls und versetzten das Publikum in die Zeit des Rock’n’Roll zurück, so dass sogar der Bühnenarbeiter grinsend am Bühnenrand saß.

Mein Video:

Cooler Abschluss waren dann die drei als Kühe verkleideten Mitarbeiter des Clubs, die kostenlos Ben&Jerry’s Eis verteilten.

Danach hieß es dann für uns: feiern gehen. Zum Glück berechtigte das Festivalbändchen aus Papier dann auch zum kostenlosen Eintritt zu den diversen Aftershowpartys.

Das setzte dann schließlich den Schlusspunkt unter einen richtig guten Abend.

mehr Fotos gibt’s hier

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Folklore Part II

Als ich für das Wochenende 27.- bis 29. August den Wetterbericht sah, floss es mir eiskalt den Rücken runter. Nein, nicht schon wieder so ein scheiß Wetter wie auf dem Southside. Nicht schon wieder so viel Matsch und Nässe. Dann fiel mir ein, dass das Festival ja in Wiesbaden stattfindet und ich in aller Ruhe jeden Abend wieder zurück nach Hause fahren kann, wo mein warmes Bett auf mich wartet. Mit diesem Gedanken konnte ich mich entspannt auf die drei Tage freuen.

Freitag war das Wetter am schlechtesten, doch wir hörten uns gut gelaunt den ersten Act namens Cargo City aus Frankfurt an. Hinter dem Namen steht Simon Konrad, der seit 2007  Indierock mit Akkustikgitarre spielt, begleitet von Piano und Synthesizer. Mit seinen melancholisch angehauchten Gitarrensounds hat er vier Songs für den Soundtrack von „Vincent will Meer“ beigesteuert und schon den Musikexpress positiv überzeugt. Immer schön hoch die Karriereleiter. Um halb acht trat Gisbert zu Knyphausen auf, ein Name, den ich schon oft in irgendwelchen Zeitschriften gelesen , aber nie live gesehen habe. Das tat ich auch auf Folklore nicht. Es kann sein, dass er der ultimative neue Singer/Songwriter am deutschen Musikerhimmel ist, aber meinen Geschmack trifft er jedenfalls nicht. Blumentopf waren der Headliner am Abend und heizten mit ihren Hip-Hop Beats dem Publikum ein. Am meisten beeindruckt war ich von den Freestyle-Einlagen der vier Rapper, die aber zehnmal darauf zurückkamen, dass sie den Gig  beinah verpasst hätten, da sie im Stau standen. Wir hatten es schon beim ersten Mal kapiert! Die Show war in Ordnung.

Später traten noch Turbostaat und Frittenbude in der Halle auf, doch zu ihren Auftritten war ich nicht mehr anwesend. Für Bands, die ich eh nicht höre, hatte ich keine Lust, mich vor dem Raum fast zerquetschen zu lassen. Freitag war letztendlich ernüchternd von der Bandauswahl.

Samstag war schon deutlich besser. Trotz des wechselhaften Wetters amüsierten wir uns mit Olli Schulz, der die Zuschauer mit seinen witzigen Anekdoten zum Lachen brachte. Alleine nur mit einer Akkustikgitarre ausgerüstet präsentierte der deutsche Liedermacher seine Songs , die mitten aus dem Leben erzählen. Zeilen wie „Du bist so lange einsam, bist du lernst alleine zu sein“ oder „Die Leute denken wir sind betrunken, dabei sind wir bloß Freunde“ protzen zwar nicht mit Tiefsinn, handeln aber von Liebe, Freundschaft und Lebensfreude. Dinge, mit denen sich jeder identifizieren kann. Seine Auftritte sind immer ein Vorbeischauen wert. Um 19 Uhr schaute ich mir zum ersten Mal einen Poetry-Slam an, ein Gedichtswettbewerb, dessen Gewinner zu einem bundesweiten Poetry-Slam-Contest fahren darf. Die zehn Teilnehmer präsentierten wirklich originelle Texte und brachten das Publikum zum Lachen und Schmunzeln. Am Ende gewann ein älterer Mann aus Mainz unfairerweise durch Schnick, Schnack, Schnuck gegen jemanden aus Berlin. Da man den größeren Applaus für einen Finalisten nicht raushören konnte, musste es leider so zu einer Lösung kommen.

Um halb zehn trat dann der Headliner des ganzen Festivals auf: Tocotronic. Die vier deutschen Indierocker begeistern viele mit ihren Sounds und ihren anspruchsvollen Texten. Nun, mich nicht. Der Sänger wirkt zu arrogant und exzentrisch, was seine tief-düstere Stimme noch mehr unterlegt, und die Musik ist auch nicht sonderlich der Hit. Die deutsche Sprache erscheint mir persönlich einfach unpassend für Indierock.

In der Halle angekommen erwarteten wir gespannt Bodi Bill aus Berlin. In dem Übersichtsheftchen wurden sie als Mix aus Elektro, Folk und Kammerpop beschrieben- interessante Mischung. Auf der Bühne standen nun drei Pulte mit Apple-Notebooks und tausenden Anschlüssen. Dann traten drei Herren in einer Art Malerkostüm auf. Der eine in Blau, der zweite in orange und der dritte in grau. Ihre Elektro-Beats brachten die Menge zum tanzen und die Band bewegte sich ebenfalls. Der Hauptsänger spielte manchmal Gitarre und der andere in Blau holte bei einem Track seine Geige hervor. Moderne Technik verbunden mit klassischen Instrumenten-genial. Eine kleine Tanzeinlage der Band vor den Pulten brachte ihr weitere Pluspunkte ein und die Show war damit komplett. Nach einer Stunde war es leider schon vorbei, aber WhoMadeWho bildeten den perfekten Abschluss für den Abend. Das dänische Trio macht Elektro-Rock  mit Disco-Grooves oder so ähnlich. Jedenfalls spielten die sympathischen Herren ihre Stücke mit der gleichen Freude so wie das Publikum abging. Höhepunkt war das Cover von „Satisfaction“, zu dem die Masse tobte. Jeder hatte Spaß und die Stunde verging wie im Flug. Die Band spielte noch zwei Songs extra und dann war der Gig schon rum. Wir waren total verschwitzt aber happy. Der Samstag hatte den lahmen Freitag voll und ganz ausgeglichen und wir freuten uns auf den Sonntag.

Ab 16 Uhr konnten ausgewählte Bands aus der Umgebung ihr Talent für eine halbe Stunde unter Beweis stellen. Los gings mit Sir Toby, eine Mainzer Indierock-Band, die englisch singt und ziemlich viel Potenzial hat. Die Ähnlichkeit mit den Kilians ist deutlich zu hören, vor allem klingt das eine Gitarrensolo des Liedes, dessen Name ich leider nicht kenne, schwer wie das von „Enforce yourself“. Trotzdem hören sich ihre Songs gut an und vielleicht werden sie ja die Nachfolger der Kilians. Weiter gings mit Run Venezuela, die ich leider kaum mitbekommen habe, aber sich auch sehr gut angehört haben. The C-Types kamen als nächstes und lieferten eine coole Show ab. Mit ihren selbst bezeichneten „Surrelistic Surf Songs from Satan Somehow“ rockten sie die kleine Räucherkammerbühne und gaben cool-lasziv ihren Industrial-Rock zum Besten. Vor allem der Sänger machte auf ultracoolen Rockstar und spielte sogar mit einer Bierflasche auf den Gitarrensaiten. Na dann.

Um viertel nach acht wechselten wir kurz nach draußen, um die süße Miss Li aus Stockholm zu sehen. Mit ihren poppigen Chansons und der etwas piepsigen Stimme verzauberte sie ihr Publikum und wir bemerkten das schlechte Wetter gar nicht mehr. Miss Li ist ein echter Geheimtipp für alle, die auch auf Lenka und Marit Larsen stehen. Die Kälte verleitete mich dennoch wieder dazu, in die Räucherkammer zu gehen und mir die letzte Band Smoot Mather Project anzuschauen. Das Trio aus Berlin und Wiesbaden spielt laut Myspace-Seite Cosmic Noise Pop, was ich beim ersten Lied nicht nachvollziehen konnte. Dieses klang eher wie Cello-Hardrock, aber die nächsten wurden dann glücklicherweise poppiger. Auffällig kam der Sänger daher, der mit einer venezianischen Maske im Gesicht auf seinem Cello klimperte und melancholisch in sein Mikro hauchte. Originelle Band. Die Gigs der lokalen Gruppen waren  sehr abwechslungsreich und vielversprechend, einige haben wirklich Potenzial.

Folklore 2010 konnte mich trotz des schlechten Wetters mit seinen Bands im Gesamten überzeugen und es ist immer wieder ein Erlebnis, dieses alte Hippie-Festival zu besuchen. Nächstes Jahr werde ich definitiv wieder am Start sein, nur wünsche ich mir bitte mal zur Abwechslung viel Sonnenschein.

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Folklore

Freitag, der 27.

Ach ja, das Folklore (nicht mehr im Garten). Das nette kleine Festival bei mir um die Ecke, genauer gesagt im Schlachthof in Wiesbaden. Ich hatte mir nach dem Schlammchaos beim Southside ja erstmal geschworen, so schnell kein Festival mehr zu besuchen, aber wenn man zu Hause in seinem eigenen Bett schlafen und in seiner eigenen Dusche duschen kann, dann macht sogar nicht mehr der Regen, der am Freitag Nachmittag immer wieder mal herunterkam, nicht viel aus.
Dieses Jahr hab ich mir zum ersten Mal eine Dauerkarte geholt. Vor zwei Jahren noch war ich nur an einem Tag hingegangen, zu den Sportis und den Kilians. Roman Fischer war damals glaube ich auch dagewesen.
An die Bands bei meinem ersten Mal Folklore (damals noch IM Garten) erinner ich mich allerdings beim besten Willen nicht.
Damals war ich 5 oder 6 und mit meinen Eltern auf dem damals noch im Schloss Freudenberg beheimateten Festival. Man sieht, es hat Tradition, das kleine Foklore.

Tradition passt auch gut zum Auftakttag: mit Blumentopf waren alte Bekannte als Headliner zu Gast und nicht nur bei ihnen hieß es: Wir sprechen Deutsch.
Im Endeffekt waren Cargo City, die auf der Parkbühne den Auftakt machten, die einzige englischsprachige Band, die ich mir am Freitag anschaute.
Es war ein schöner Auftritt so zu Beginn, die 5 jungen Frankfurter spielen mit akustischer Gitarre dominierten Indierock. Einige Lieder dürften Filmfans bekannt sein, denn sie kamen im Soundtrack zum diesjährigen Erfolgsfilm Vincent will meer vor.
Danach ging es direkt rüber zum Eingang, wo die Tagespoeten, eine junge Mainzer Band auf dem Red Bull Tourbus, ein kleiner Bus von besagter Getränkemarke gesponsert, dessen Dach zur Bühne umfunktioniert wurde, auftraten. Da dies im offiziellen Programm vorher nicht vermerkt worden war, waren nicht viele Zuschauer vor dem Bus, aber nachdem Sänger Lukas die ganzen vorbeigehenden Leute aufforderte, doch einmal stehen zu bleiben und zuzuhören, wurde das Publikum größer.
Es sind die meist tiefgründigen deutschen Texte, die die Musik der Tagespoeten ausmacht, die die man am besten in so in die Pop-Rock-Richtung einordnen kann.

Noch während die Tagespoeten spielten, fing auf der Parkbühne Gisbert zu Knyphausen an, ich muss allerdings gestehen, dass ich vom Auftritt des in der Indieszene momentan beliebtesten Singer-Songwriters nicht viel mitbekam. Was ich hörte, sind gefühlvolle deutschsprachige Songs, die immer wieder die Lacher für sich beanspruchen, so auch die, von mir aus dem Kontext heraus aufgeschnappte, Zeile: „Wir fühlen uns wohl, ein Hoch auf den Alkohol“.
Nach Gisbert, der ja ebenfalls aus der Nähe, nämlich aus Eltville, stammt, ist es Zeit für das erste Highlight für die meisten Folklore-Besucher. Die Deutsch-Rap Formation Blumentopf tritt auf.
Selbst mir als Nicht-Blumentopf-Hörer gefiel der Auftritt, der immer wieder durch die lustigen Freestyleparts überzeugen konnte. Dabei wurde mehrfach erwähnt, dass die Gruppe bis kurz vor dem Auftritt im Stau steckte und Angst hatte, zu spät zu kommen. Im Endeffekt traten sie dann aber sogar etwas früher als geplant auf. Natürlich durften auch die Hits Horst, Safari und SoLaLa nicht fehlen, die Show ging schlussendlich aber knapp zwei Stunden, was mir persönlich dann doch irgendwann ein bisschen lang erschien.

Danach war es Zeit für die Halle. Doch so einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, war es natürlich nicht, denn wir waren nicht die einzigen, die dieses Vorhaben hatten. Es war vorher schon angekündigt gewesen, dass die Besucherzahl der Halle kontrolliert werden würde, da diese eben ein begrenztes Fassungsvermögen habe. Das ist natürlich ärgerlich aber verständlich. Nicht verständlich aber war die Druchführung: Vor der Eingangstür standen zwei Securities, die Arme ineinander verkeilt, die imer mal wieder 2, 3 Leute durchließen. Von draußen drückten aber bestimmt 100 Leute dagegen – was so natürlich auch nicht okay war. Die einzige Möglichkeit, rein zu kommen, war, sich irgendwie mit der Masse treiben zu lassen. Dass da irgendwo zwischendrin eine brusthohe Absperrung war, war von außen nicht zu sehen und erst zu bemerken, wenn man schon längst dagegen gepresst wurde. Immer mal wieder rief jemand „Loveparade!“, was nicht gerade taktvoll ist, aber ausdrückt, dass einige doch irgendwie Panik bekamen.
Irgendwann war ich dann also drin und konnte deshalb Frittenbude sehen, der Großteil unserer Gruppe wurde diese Möglichkeit aber genommen, da sie sich nicht in das Gequetsche getraut hatten.

Der Auftritt der Elktrogruppe, die auf DEM deutschen Elektrolabel Audiolith gesignt ist, lohnte sich. Sie gaben einige Remakes zum besten, so z.B. Raveland (von Kettcars Graceland) oder Raven gegen Deutschland von Egotronic. Raveland hatte mit dem Original außer Teilen des Textes nicht mehr viel gemeinsam und gefiel mir auch nicht so besonders, es war viel zu sehr skandiert. Raven gegen Deutschland behielt den Eogtronicschen Refrain, dichtete aber noch krassere Strophen dazu, die bewisen: deutscher Electro ist der neue Punk.
Am besten waren Frittenbude, deren Musik am besten irgendwo zwischen Deichkind, den schon angesprochenen Egotronic und der Mediengruppe Telekommander einzuordnen ist, wenn sie ihre eigenen Lieder spielten, wie z.B. ihren Hit Mindestens in 1000 Jahren oder die neueren Täglich grüßt das Murmeltier oder Bilder mit Katze.

Samstag, der 28.

Der Folklore-Samstag begann für uns ein wenig früher als ursprünglich geplant: denn kurzfristig wurde Olli Schulz als Ersatz für Hellsongs angekündigt und er spielte früher, weshalb Kenneth Minor nach hinten verschoben wurden. Olli war für uns Pflichtprogramm, denn die Auftritte des sympathischen Hamburgers sind immer einen Besuch wert. Der Singer-Songwriter schreibt Lieder direkt aus dem Leben heraus, die manchmal ein wenig traurig oder aber fies sein können, aber so viel Wahrheit enthalten. Legendär sind außerdem die kleinen Anekdoten, die er zwischendurch immer wieder zum Besten gab und die ihn zum Entertainer werden lassen. Auch interagierte er gerne mit dem Publikum und fragt dieses z.B. nach einem Wunschlied. Sogar einen unfertigen Song hatte er im Gepäck: Halt die Fresse, krieg‘ ’n Kind, womit er dazu auffordert, sich nicht immer über alle möglichen Kleinigkeiten aufzuregen. Angeblich gesagt hat er diesen Satz vor kurzem in einem Interview, in dem ihm die Reporterin vorwarf, den Indie zuverraten, weil er jetzt bei einem größeren Label ist.
Wie gesagt, fies aber wahr.
Beenden tut er seinen Auftritt mit seinem Song ohne Grund, der beweist, dass Olli alle Hits vieler deutschsprachiger Bands schon vorher selbst komponiert hatte.

Auf Olli Schulz, der mit viel Beifall verabschiedet wurde, folgte nach der obligatorischen Umbaupause Kenneth Minor. Das ist eine deutsche Folkgruppe, die so ein bisschen auf Iren machen und meiner Meinung nach ziemlich langweilig sind. Aber Folk ist auch meist einfach nicht mein Ding.

Das Folklore ist ja weithin dafür bekannt, dass es dort nicht nur gute Musiker zu bestaunen gibt, sondern noch alles Mögliche sonst an kreativem Programm. Dazu gehört auch die Magic Sky Arena, die hinter dem Schlachthofgebäude aufgebaut war und genauer gesagt eine Holzbühne, umrandet von Holzbänken und überdacht mit einem an einem Kran hängenden Zeltdach, war. Dort traten verschiedene Akrobaten oder kleinere Theatergruppen auf und dort fand auch der Poetry Slam statt. Für mich war es der erste und obwihl ich schon ciel Gutes darüber gehört hatte, war ich trotzdem positiv überrascht. Beim Poetry Slam treten ganz normale Leute gegeneinander an, mit selbst verfassten Gedichten, Erzählungen oder sonstigen Texten. Zufällig bestimmte Mitglieder des Publikums nehmen dann die Bewertung vor.
Es gab zwei Vorrunden und die beiden Sieger jeder Vorrunde traten danach noch einmal gegeneinandermit neuen Texten an. Von lustigen Alltagsgeschichten bis zu Liebesdramen war alles vorhanden. Einzig und allein das Ende war ein wenig enttäuschend, da der endgültige Sieger aufgrund der Klatschlautstärke des Publikums ermittelt wurde. Da bei beiden Finalisten das Klatschen ähnlich laut ausfiel, wurde der Sieger schließlich per Schnick Schnack Schnuck ermittelt, was allgemein ziemlich enttäuschend war, schließlich war das dann nur noch Glückssache. Der Sieger des Schnick Schnack Schnuck darf jetzt zum Poetry Slam nach Bochum reisen.

Da wir von den poetischen Darbietungen so begeistert waren, ließen wir uns den Auftritt der Ohrbooten entgehen, die mich sowieso nicht sonderlich interessiert hatten.
Als nächstes war dann also Tocotronic angesagt, auf deren Auftritt ich mich eigentlich am meisten gefreut hatte. Ich gehöre jetzt nicht zu den größten Fans der Hamburger Band, höre einige Lieder aber doch ganz gerne und war vor allem von ihrem Auftritt beim Southside Festival 2008 sehr überzeugt gewesen. Etwas Ähnliches erwartete ich auch für das Folklore. Aber irgendwie sprang der Funke diesmal nicht über. Ich fand die Show eher ein bisschen verstörend. Sänger Dirk von Lowtzow, der im Gegensatz zu 2008 um mehr als nur 2 Jahre gealtert schien, wirkte bei seinen Ansagen ein wenig verwirrt und neben der Spur seine Stimme klang wie auf dem aktuellen Album Schall & Wahn, mit dem ich mich bisher auch nicht anfreunden konnte, tiefer und eindringlicher, aber immer wieder mit hohen Aussetzern. Darunter hatten auch die Lieder zu leiden, die aufgrund ihrer opulenten Textgebilde – die mir an sich gut gefallen – dadurch doch zu schwer zu verdauen waren. Seine Ansage zu meinem Toco-Lieblingslied Aber hier leben, nein danke passte dann so gar nicht zu seinem verschlafenen Eifer: „Liebe Genossinnen und Genossen, lasst uns nun die linke Faust heben“ – und ein Gros des Publikums folgt seinem Wunsch, wobei vielleicht die Hälfte überhaupt verstand, was damit gemeint war und sich damit identifizierte.
Was mir bei den Liedern fehlte ist die Energie im Gesang, welcher ziemlich langsam und müde klang, etwas, was ich bei den Studioversionen auch bemängele, was beim Southside 2008 aber noch ganz anders war.
Besser dagegen sind Tocotronic, wenn sie gar nicht singen, so wie im Großteil des sehr langen Openers Eure Liebe tötet mich, dessen verzerrte Gitarrenklänge etwas Hypnotisierendes haben. Sehr gut war auch Bitte gebt mir meinen Verstand zurück, ein Lied, das ich nie auf einem Festival erwartet hätte. Schlagzeuger Arne Zank bahnte sich den Weg nach vorne, während Gitarrist Rick McPhail sich hinters Schlagzeug setzte. Und Arne legte los und krakeelte mit schräger Stimme unzusammenhängende Worte, die in den Refrain Bitte,bitte, bitte, bitte, gebt mir meinen Verstand zurück mündeten. Musikalisch nicht besonders anspruchsvoll, aber eindeutig unterhaltsam.
Ich hätte gerne auch noch Mein Ruin gehört, aber die Eingangsqual vom Freitag wollten wir niccht noch einmal durchmachen und so gingen wir schon früher in die Halle hinein.

Dort begann einer der Acts, bei dem man auch hätte draußen bleiben können: Nicknoname, ein Wiesbadener Rapper, der den Political Rap Contest gewonnen hatte und deshalb hier auf der Bühne stehen durfte – zusammen mit einem anderen Rapper, einem sich selbst feiernden DJ und einem Kameramann (!). Für mich, die ich mit klarem, harten Rap nichts anfangen kann, klang alles ziemlich gleich, da sich die Refrains endlos wiederholten und die Texte zwar durchaus etwas tiefgründigere Messages hatten, aber ziemlich abgedroschen und nach Allgemeinplätzen klangen.
Ehrlich gesagt war ich froh, als der Auftritt rum war.

Die darauffolgende Gruppe sagte mir vom Namen her gar nichts: Bodi Bill. Dass das nichts zu heißen hat, bewiesen die drei Berliner dann aber eindeutig. Ihr Electro-Folk, gespielt auf Laptops und Geige, reißt mit und betört gleichermaßen. Kaum ein Bein das nicht zuckte. Bodi Bill bauten einen Klangteppich unterlegt mit harten Beats und Beamershow an der Wand, wo auch mal unzählige Frauennamen im Wechsel erschienen.
Das Publikum war begeistert und im Endeffekt erwies sich Bodi Bill als perfekte Einleitung zu WhoMadeWho.
Die Dänen kamen auf die Bühne und machten alles richtig (na gut, die Shirts und Hemden hätten sie gerne anlassen können).
Jeppe Kjellberg und Tomas Hoffding, für Gitarre, Bass und Gesang verantwortlich, gaben sich als nordische Gentlemen, Schlagzeuger Tomas Harford mimte den Entertainer, wenn er an den Bühnenrand rannte, seine Sticks in die Luft riss und dem Publikum seine Wampe entgegen streckte.
Ihre Musik, die ich einfach mal als Electronic Rock’n’Roll bezeichnen würde – auch wenn Fachleute da natürlich ein Dutzend anderer Begriffe für haben – ist voller Energie und brachte die Menge zum Beben. Irgendwann waren alle nur noch am Tanzen und Hüpfen – Höhepunkt war sicher Satisfaction, dass dies ein Cover sein soll, fiel garantert niemandem auf und glaubte man erst auch nicht.
Die Herren schienen selber begeistert von der Begeisterung des Publikums und trumpften immer mehr auf bis sie sich schließlich erschöpft mit einem „Wir lieben Deutschland“ verabschiedeten.
WhoMadeWho: einer der Folklore-Höhepunkte – ganz klar!

Sonntag, der 29.

Heute gings erst ein bisschen später los, wir trafen erst gegen 16 Uhr zur Local Band Explosion im Schlachthof ein. Dieser Oberbegriff steht für einen Veranstaltungsteil, der in der der kleinen Halle (Räucherkammer) stattfand und bei dem lokale Bands und Musiker die Chance hatten, sich eine halbe Stunde einem größeren Publikum zu präsentieren. Los gings zu erst mit Sir Toby, einer Indierockband aus Mainz, deren Musik irgendwo zwischen Garage und Indiedisko einzuordnen ist und stellenweise an die Kilians erinnert (bis auf den Gesang).
Später sahen wir dann The C-Types, deren Musik ziemlich tanzbar war, aber auch irgendwie ziemlich abgedreht. Nicht umsonst bezeichnen sie ihren Musikstil auf ihrer Myspace-Seite als „Surrealistic Surf & Industrial TangoTrash“.
Danach war erstmal Schluss mit Trash, es war Hip Hop an der Reihe. Kons-T macht aber nicht einfach Hip Hop, er hat seine eigene eigene Musikrichtung erfunden: Handirap. Das setzt sich zusammen aus Rap und Handicap, denn Kons-T ist körperbehindert und sitzt im Rollstuhl. Seine Texte drehen sich hauptsächlich um gesellschaftliche Missstände, sind aber immer hoffnugsvoll.
Nach ihm geht’s raus in den kalten Nieselregen um Miss Li, den letzten Act des Abends, auf der Parkbühne zu sehen. Die Stockholmerin – die, nur so nebenbei erwähnt, aus der selben Stadt wie Mando Diao und Sugarplum Fairy kommt und außerdem am selben Tag Geburtstag hat wie ich, aber wie gesagt, das nur nebenbei – ist einer DER Insidertipps und das zu Recht. Die Lieder, die sie mit ihrer sympathischen Band zum besten gab, bewegen sich irgendwo zwischen Jazz, Pop und Folk und machen immer gute Laune. Besonders bestach die kleine Frau auf hohen Schuhen durch ihre außergewöhnliche Stimme und ihr energisches Klavierspiel.
Amüsant war außerdem, wie sie immer wieder ein Bier exte oder schließlich am Ende ihres Hits Oh Boy lachend ihre Bandmates beobachtete, die auf verrückte Art nochmal alles aus ihren Instrumenten herausholten. Auch ihre Deutsch-Kenntnisse – 6 Jahre lang in der Schule! – ernteten gutgemeinte Lacher, als sie das Kinderlied Wir haben Hunger, Hunger, Hunger sang.

Die nette Miss Li war damit ein guter Abschluss für ein nettes Festival, das trotz schlechten Wetters ziemlich viel Spaß gemacht hat und nicht viel Überzeugungsarbeit nötig sein wird, um auch wieder bei Folklore 011 am Start zu sein.

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