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Frittenbude, Bratze, FUCK ART, LET’S DANCE! und die neue Schlachterhalle

Ein Audiolithabend aller feinster Sorte gab es am letzten Mittwoch im Schlachthof in Wiesbaden. Für uns war es das erste Mal in der neugebauten Halle des „Schlachters“ – die Erleichterung war groß: Vom Stil her hat man nichts Neues oder Modernes versucht sondern sich an der alten Halle orientiert. Der Schnitt ist ein wenig anders und es gibt jetzt auch auch ein Kellergeschoss für Garderobe und Toiletten, aber ansonsten gibt es eigentlich nichts zu meckern (den grässlichen Orange-Pink Mix des äußeren Anstrich lassen wir jetzt mal außen vor). „Wo bleibt das Schlachthoffeeling“ stand auf dem Eingangsstempel und zunächst fragten wir uns das auch, als zu Beginn das Publikum noch recht überschaubar war. Spätestens aber als der Hauptact Frittenbude loslegte, war die Halle gut gefüllt (wenn auch nicht ausverkauft) und es ging richtig gut ab.

Den Anfang machten FUCK ART, LET’S DANCE! mit verspieltem Indiepop und an sich sehr tanzbaren Melodien, die durch Synthie-Beats verstärkt wurden. Leider war die Akustik ein wenig leise und die Fans sparten wohl die meiste Energie für später, deswegen war die Publikumsresonanz dürftiger als verdient. Doch ist das nicht immer das Schicksal von Vorbands? Wir sind jedenfalls mal gespannt auf eigene Auftritte des Trios…
Was danach kam hatte mit Frittenbude schon mehr musikalische Gemeinsamkeiten: Bratze sind schon seit längerer Zeit die kleineren Brüder auf dem selben Label und ihre fetten Beats brachten dann doch schon eine größere Menge zum Hüpfen. Am besten lassen sie sich vielleicht durch folgenden, so stattgefundenen Dialog beschreiben: „Verstehst du was die singen?“ – „Ne, aber die Beats sind geil!“ Beste Vorraussetzungen für Frittenbude also, deren Frontsänger Johannes Rögner sich schon beim letzten Bratze-Song warmgesungen hatte.

Eines vorweg: Es ist durchaus möglich, ein Fan von Frittenbude zu sein, ohne deren antideutsche Haltung zu unterstützen. Ein klares Bekenntnis gegen Nazis und ein „Nein“ zu deren Verbrechen ist immer zu unterstützen aber die Haltung ihrer Texte und die dazu gerufenen Parolen (der Fans) gehen weit darüber hinaus – für meinen Geschmack zu weit. Ich möchte hier keine Grundsatzdiskussion eröffnen (weil das hier einfach der falsche Platz dafür ist), jedoch finde ich die Bezeechnung „Schurkenstaat“ für ein Land wie Deutschland dann doch ziemlich übertrieben. Vor allem da die meisten jugendlichen Fans wohl eher aus Mitläufertum mitgrölen statt sich tiefergehende Gedanken gemacht zu haben.
Doch Frittenbude sind natürlich mehr als nur antideutsche Parolen: was die deutschen Elektropunks auszeichnet sind nicht nur die oft sehr nachdenklichen, gesellschaftskritischen und manchmal auch melancholischen Texte sondern gleichzeitig auch das Partypotential. Denn die drei Bayern kennen sich mit Elektrobeats ziemlich gut aus, so dass man selbst zu den nachdenklicheren Nummern wie Innere Altmark (eines der Highlights auf dem neuen Album Delfinarium) mitwippen kann. Klassiker wie Hildegard und Mindestens in 1000 Jahren brachten die Masse dann regelrecht zum Ausrasten, ebenso wie die neuen Songs Heimatlos und Einfach nicht leicht, die jeden mindestens zum Hüpfen verführten. Insgesamt servierten Frittenbude einen gelungenen Querschnitt aus ihren drei Alben, der durch drei Coversongs bzw. eher Neuinterpratationen (Hildegard, Raveland und Raven gegen Deutschland) als Zugabe abgerundet wurde, sodass frühere Hits wie Bilder mit Katze und Pandabär gar nicht fehlten.
Abschließend lässt sich eigentlich nur noch sagen: „Es ist nicht das was zählt, doch das was alle wollen und… irgendwie lieb ich das!“

* Nur die eine Frage bleibt: wo kam eigentlich dieser permanente Weihnachtsgeruch nach Zimt und Mandarinen her??

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French Films begeistern im Kulturpalast

Dass French Films einiges drauf haben, war schon nach Veröffentlichung ihrer EP Golden Sea klar. Inzwischen haben sie nicht nur mit ihrem Album Imaginary Future die Erwartungen erfüllt sondern auch bewiesen, dass die Songs live genauso abgehen.
Wiesbaden war die letzte Station einer ausgedehnten Tour, die die Finnen nicht nur durch Europa sondern auch nach Japan geführt hat. Der Kulturpalast war dann auch sehr gut gefüllt, als die fünf Jungs nach einem lauten und interessanten Vorprogramm des Noise-Pop Duos Young Hare die Bühne betraten.
Etwa eine Stunde lang gaben sie die Songs ihres Albums und auch der EP zum Besten und sorgten dafür, dass kaum einer mehr ruhig stehen blieb. Das lag vor allem an der sommerlichen Unbeschwertheit, die in jedem Lied steckte und auf das Publikum übergriff. Dazu kam die leichte Melancholie, die in den Texten und auch dem tiefen Gesang der drei sich abwechselnden Sänger mitschwang, und die Atmosphäre zu einer ganz besonderen machte. Clubkonzert at it’s best!
Wir waren ganz klar nicht die einzigen, die gerne noch etwas länger die Anwesenheit der netten finnischen Jungs genossen hätten, doch nachdem sie fast ihr gesamtes Songrepertoire durch hatten und nach enthusiastischen „Zugabe“-Rufen auch diese gegeben hatten, verabschiedeten sich French Films mit wiederholten Dankesbekundungen auf Deutsch und Englisch und hauptsächlich dafür, dass wir alle so gute Tänzer waren – nichts zu danken, für euch doch immer!

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Phono Pop Club mit Abby

Phono Pop – das ist ein inzwischen ziemlich präsenter Veranstaltungsname in der Rhein-Main Region. Eigentlich handelt es sich dabei ja um ein wachsendes Indiefestival aus Rüsselsheim – doch einmal im Monat präsentiert die Crew dieses Festivals eine Party-Veranstaltung im Wiesbadener Schlachthof: den Phono Pop Club. Diesmal gab es als nettes Zubrot ein Konzert der Mannheimer Band Abby.
Von denen hatte ich zuvor mal etwas gelesen und mir über die offizielle Homepage den Song Evelyn runtergeladen, der mir auch ganz gut gefallen hat – und deshalb ließ ich mich auch nicht von den negativen Kommentaren zu der Band in den kostenlosen Musikzeitschriften Intro und unclesally’s abschrecken. Aber vielleicht lag es daran, dass meine Erwartungen nicht unbedingt besonders hoch waren…

Ein bisschen blöd war zu dann Beginn die offensichtlich schon obligatorische Wartezeit von einer Stunde aber dann wurde es doch ziemlich gut. Denn die fünf Jungs erwiesen sich als leidenschaftliche Musiker  mit einem abwechslungsreichen Songrepertoire. Ihre Indierock Songs mit Electro-Elementen brachten jeden im Raum mindestens zum Mitwippen und bestachen außerdem durch längere Shoegazingparts und den kreativen Einsatz „unkonventioneller“ Instrumente wie einem Cello oder einer Blockflöte. Und wenn sich Sänger Filou schon vor dem Applaus bedankt – wohl einfach fürs Zuhören – und er und die restlichen Bandmitglieder teilweise mit geschlossenen Augen sich ganz der Musik hingeben und schlussendlich fast das Schlagzeug in Stücke schlagen, dann kommt das richtig sympathisch rüber und zeigt, dass da echte Vollblutmusiker am Werk sind.  Im Endeffekt war das Konzert so viel besser als die Party hintendran.
„Egale Musik für während-man-schläft“? – Weit gefehlt, Intro!


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Folklore

Freitag, der 27.

Ach ja, das Folklore (nicht mehr im Garten). Das nette kleine Festival bei mir um die Ecke, genauer gesagt im Schlachthof in Wiesbaden. Ich hatte mir nach dem Schlammchaos beim Southside ja erstmal geschworen, so schnell kein Festival mehr zu besuchen, aber wenn man zu Hause in seinem eigenen Bett schlafen und in seiner eigenen Dusche duschen kann, dann macht sogar nicht mehr der Regen, der am Freitag Nachmittag immer wieder mal herunterkam, nicht viel aus.
Dieses Jahr hab ich mir zum ersten Mal eine Dauerkarte geholt. Vor zwei Jahren noch war ich nur an einem Tag hingegangen, zu den Sportis und den Kilians. Roman Fischer war damals glaube ich auch dagewesen.
An die Bands bei meinem ersten Mal Folklore (damals noch IM Garten) erinner ich mich allerdings beim besten Willen nicht.
Damals war ich 5 oder 6 und mit meinen Eltern auf dem damals noch im Schloss Freudenberg beheimateten Festival. Man sieht, es hat Tradition, das kleine Foklore.

Tradition passt auch gut zum Auftakttag: mit Blumentopf waren alte Bekannte als Headliner zu Gast und nicht nur bei ihnen hieß es: Wir sprechen Deutsch.
Im Endeffekt waren Cargo City, die auf der Parkbühne den Auftakt machten, die einzige englischsprachige Band, die ich mir am Freitag anschaute.
Es war ein schöner Auftritt so zu Beginn, die 5 jungen Frankfurter spielen mit akustischer Gitarre dominierten Indierock. Einige Lieder dürften Filmfans bekannt sein, denn sie kamen im Soundtrack zum diesjährigen Erfolgsfilm Vincent will meer vor.
Danach ging es direkt rüber zum Eingang, wo die Tagespoeten, eine junge Mainzer Band auf dem Red Bull Tourbus, ein kleiner Bus von besagter Getränkemarke gesponsert, dessen Dach zur Bühne umfunktioniert wurde, auftraten. Da dies im offiziellen Programm vorher nicht vermerkt worden war, waren nicht viele Zuschauer vor dem Bus, aber nachdem Sänger Lukas die ganzen vorbeigehenden Leute aufforderte, doch einmal stehen zu bleiben und zuzuhören, wurde das Publikum größer.
Es sind die meist tiefgründigen deutschen Texte, die die Musik der Tagespoeten ausmacht, die die man am besten in so in die Pop-Rock-Richtung einordnen kann.

Noch während die Tagespoeten spielten, fing auf der Parkbühne Gisbert zu Knyphausen an, ich muss allerdings gestehen, dass ich vom Auftritt des in der Indieszene momentan beliebtesten Singer-Songwriters nicht viel mitbekam. Was ich hörte, sind gefühlvolle deutschsprachige Songs, die immer wieder die Lacher für sich beanspruchen, so auch die, von mir aus dem Kontext heraus aufgeschnappte, Zeile: „Wir fühlen uns wohl, ein Hoch auf den Alkohol“.
Nach Gisbert, der ja ebenfalls aus der Nähe, nämlich aus Eltville, stammt, ist es Zeit für das erste Highlight für die meisten Folklore-Besucher. Die Deutsch-Rap Formation Blumentopf tritt auf.
Selbst mir als Nicht-Blumentopf-Hörer gefiel der Auftritt, der immer wieder durch die lustigen Freestyleparts überzeugen konnte. Dabei wurde mehrfach erwähnt, dass die Gruppe bis kurz vor dem Auftritt im Stau steckte und Angst hatte, zu spät zu kommen. Im Endeffekt traten sie dann aber sogar etwas früher als geplant auf. Natürlich durften auch die Hits Horst, Safari und SoLaLa nicht fehlen, die Show ging schlussendlich aber knapp zwei Stunden, was mir persönlich dann doch irgendwann ein bisschen lang erschien.

Danach war es Zeit für die Halle. Doch so einfach, wie wir uns das vorgestellt hatten, war es natürlich nicht, denn wir waren nicht die einzigen, die dieses Vorhaben hatten. Es war vorher schon angekündigt gewesen, dass die Besucherzahl der Halle kontrolliert werden würde, da diese eben ein begrenztes Fassungsvermögen habe. Das ist natürlich ärgerlich aber verständlich. Nicht verständlich aber war die Druchführung: Vor der Eingangstür standen zwei Securities, die Arme ineinander verkeilt, die imer mal wieder 2, 3 Leute durchließen. Von draußen drückten aber bestimmt 100 Leute dagegen – was so natürlich auch nicht okay war. Die einzige Möglichkeit, rein zu kommen, war, sich irgendwie mit der Masse treiben zu lassen. Dass da irgendwo zwischendrin eine brusthohe Absperrung war, war von außen nicht zu sehen und erst zu bemerken, wenn man schon längst dagegen gepresst wurde. Immer mal wieder rief jemand „Loveparade!“, was nicht gerade taktvoll ist, aber ausdrückt, dass einige doch irgendwie Panik bekamen.
Irgendwann war ich dann also drin und konnte deshalb Frittenbude sehen, der Großteil unserer Gruppe wurde diese Möglichkeit aber genommen, da sie sich nicht in das Gequetsche getraut hatten.

Der Auftritt der Elktrogruppe, die auf DEM deutschen Elektrolabel Audiolith gesignt ist, lohnte sich. Sie gaben einige Remakes zum besten, so z.B. Raveland (von Kettcars Graceland) oder Raven gegen Deutschland von Egotronic. Raveland hatte mit dem Original außer Teilen des Textes nicht mehr viel gemeinsam und gefiel mir auch nicht so besonders, es war viel zu sehr skandiert. Raven gegen Deutschland behielt den Eogtronicschen Refrain, dichtete aber noch krassere Strophen dazu, die bewisen: deutscher Electro ist der neue Punk.
Am besten waren Frittenbude, deren Musik am besten irgendwo zwischen Deichkind, den schon angesprochenen Egotronic und der Mediengruppe Telekommander einzuordnen ist, wenn sie ihre eigenen Lieder spielten, wie z.B. ihren Hit Mindestens in 1000 Jahren oder die neueren Täglich grüßt das Murmeltier oder Bilder mit Katze.

Samstag, der 28.

Der Folklore-Samstag begann für uns ein wenig früher als ursprünglich geplant: denn kurzfristig wurde Olli Schulz als Ersatz für Hellsongs angekündigt und er spielte früher, weshalb Kenneth Minor nach hinten verschoben wurden. Olli war für uns Pflichtprogramm, denn die Auftritte des sympathischen Hamburgers sind immer einen Besuch wert. Der Singer-Songwriter schreibt Lieder direkt aus dem Leben heraus, die manchmal ein wenig traurig oder aber fies sein können, aber so viel Wahrheit enthalten. Legendär sind außerdem die kleinen Anekdoten, die er zwischendurch immer wieder zum Besten gab und die ihn zum Entertainer werden lassen. Auch interagierte er gerne mit dem Publikum und fragt dieses z.B. nach einem Wunschlied. Sogar einen unfertigen Song hatte er im Gepäck: Halt die Fresse, krieg‘ ’n Kind, womit er dazu auffordert, sich nicht immer über alle möglichen Kleinigkeiten aufzuregen. Angeblich gesagt hat er diesen Satz vor kurzem in einem Interview, in dem ihm die Reporterin vorwarf, den Indie zuverraten, weil er jetzt bei einem größeren Label ist.
Wie gesagt, fies aber wahr.
Beenden tut er seinen Auftritt mit seinem Song ohne Grund, der beweist, dass Olli alle Hits vieler deutschsprachiger Bands schon vorher selbst komponiert hatte.

Auf Olli Schulz, der mit viel Beifall verabschiedet wurde, folgte nach der obligatorischen Umbaupause Kenneth Minor. Das ist eine deutsche Folkgruppe, die so ein bisschen auf Iren machen und meiner Meinung nach ziemlich langweilig sind. Aber Folk ist auch meist einfach nicht mein Ding.

Das Folklore ist ja weithin dafür bekannt, dass es dort nicht nur gute Musiker zu bestaunen gibt, sondern noch alles Mögliche sonst an kreativem Programm. Dazu gehört auch die Magic Sky Arena, die hinter dem Schlachthofgebäude aufgebaut war und genauer gesagt eine Holzbühne, umrandet von Holzbänken und überdacht mit einem an einem Kran hängenden Zeltdach, war. Dort traten verschiedene Akrobaten oder kleinere Theatergruppen auf und dort fand auch der Poetry Slam statt. Für mich war es der erste und obwihl ich schon ciel Gutes darüber gehört hatte, war ich trotzdem positiv überrascht. Beim Poetry Slam treten ganz normale Leute gegeneinander an, mit selbst verfassten Gedichten, Erzählungen oder sonstigen Texten. Zufällig bestimmte Mitglieder des Publikums nehmen dann die Bewertung vor.
Es gab zwei Vorrunden und die beiden Sieger jeder Vorrunde traten danach noch einmal gegeneinandermit neuen Texten an. Von lustigen Alltagsgeschichten bis zu Liebesdramen war alles vorhanden. Einzig und allein das Ende war ein wenig enttäuschend, da der endgültige Sieger aufgrund der Klatschlautstärke des Publikums ermittelt wurde. Da bei beiden Finalisten das Klatschen ähnlich laut ausfiel, wurde der Sieger schließlich per Schnick Schnack Schnuck ermittelt, was allgemein ziemlich enttäuschend war, schließlich war das dann nur noch Glückssache. Der Sieger des Schnick Schnack Schnuck darf jetzt zum Poetry Slam nach Bochum reisen.

Da wir von den poetischen Darbietungen so begeistert waren, ließen wir uns den Auftritt der Ohrbooten entgehen, die mich sowieso nicht sonderlich interessiert hatten.
Als nächstes war dann also Tocotronic angesagt, auf deren Auftritt ich mich eigentlich am meisten gefreut hatte. Ich gehöre jetzt nicht zu den größten Fans der Hamburger Band, höre einige Lieder aber doch ganz gerne und war vor allem von ihrem Auftritt beim Southside Festival 2008 sehr überzeugt gewesen. Etwas Ähnliches erwartete ich auch für das Folklore. Aber irgendwie sprang der Funke diesmal nicht über. Ich fand die Show eher ein bisschen verstörend. Sänger Dirk von Lowtzow, der im Gegensatz zu 2008 um mehr als nur 2 Jahre gealtert schien, wirkte bei seinen Ansagen ein wenig verwirrt und neben der Spur seine Stimme klang wie auf dem aktuellen Album Schall & Wahn, mit dem ich mich bisher auch nicht anfreunden konnte, tiefer und eindringlicher, aber immer wieder mit hohen Aussetzern. Darunter hatten auch die Lieder zu leiden, die aufgrund ihrer opulenten Textgebilde – die mir an sich gut gefallen – dadurch doch zu schwer zu verdauen waren. Seine Ansage zu meinem Toco-Lieblingslied Aber hier leben, nein danke passte dann so gar nicht zu seinem verschlafenen Eifer: „Liebe Genossinnen und Genossen, lasst uns nun die linke Faust heben“ – und ein Gros des Publikums folgt seinem Wunsch, wobei vielleicht die Hälfte überhaupt verstand, was damit gemeint war und sich damit identifizierte.
Was mir bei den Liedern fehlte ist die Energie im Gesang, welcher ziemlich langsam und müde klang, etwas, was ich bei den Studioversionen auch bemängele, was beim Southside 2008 aber noch ganz anders war.
Besser dagegen sind Tocotronic, wenn sie gar nicht singen, so wie im Großteil des sehr langen Openers Eure Liebe tötet mich, dessen verzerrte Gitarrenklänge etwas Hypnotisierendes haben. Sehr gut war auch Bitte gebt mir meinen Verstand zurück, ein Lied, das ich nie auf einem Festival erwartet hätte. Schlagzeuger Arne Zank bahnte sich den Weg nach vorne, während Gitarrist Rick McPhail sich hinters Schlagzeug setzte. Und Arne legte los und krakeelte mit schräger Stimme unzusammenhängende Worte, die in den Refrain Bitte,bitte, bitte, bitte, gebt mir meinen Verstand zurück mündeten. Musikalisch nicht besonders anspruchsvoll, aber eindeutig unterhaltsam.
Ich hätte gerne auch noch Mein Ruin gehört, aber die Eingangsqual vom Freitag wollten wir niccht noch einmal durchmachen und so gingen wir schon früher in die Halle hinein.

Dort begann einer der Acts, bei dem man auch hätte draußen bleiben können: Nicknoname, ein Wiesbadener Rapper, der den Political Rap Contest gewonnen hatte und deshalb hier auf der Bühne stehen durfte – zusammen mit einem anderen Rapper, einem sich selbst feiernden DJ und einem Kameramann (!). Für mich, die ich mit klarem, harten Rap nichts anfangen kann, klang alles ziemlich gleich, da sich die Refrains endlos wiederholten und die Texte zwar durchaus etwas tiefgründigere Messages hatten, aber ziemlich abgedroschen und nach Allgemeinplätzen klangen.
Ehrlich gesagt war ich froh, als der Auftritt rum war.

Die darauffolgende Gruppe sagte mir vom Namen her gar nichts: Bodi Bill. Dass das nichts zu heißen hat, bewiesen die drei Berliner dann aber eindeutig. Ihr Electro-Folk, gespielt auf Laptops und Geige, reißt mit und betört gleichermaßen. Kaum ein Bein das nicht zuckte. Bodi Bill bauten einen Klangteppich unterlegt mit harten Beats und Beamershow an der Wand, wo auch mal unzählige Frauennamen im Wechsel erschienen.
Das Publikum war begeistert und im Endeffekt erwies sich Bodi Bill als perfekte Einleitung zu WhoMadeWho.
Die Dänen kamen auf die Bühne und machten alles richtig (na gut, die Shirts und Hemden hätten sie gerne anlassen können).
Jeppe Kjellberg und Tomas Hoffding, für Gitarre, Bass und Gesang verantwortlich, gaben sich als nordische Gentlemen, Schlagzeuger Tomas Harford mimte den Entertainer, wenn er an den Bühnenrand rannte, seine Sticks in die Luft riss und dem Publikum seine Wampe entgegen streckte.
Ihre Musik, die ich einfach mal als Electronic Rock’n’Roll bezeichnen würde – auch wenn Fachleute da natürlich ein Dutzend anderer Begriffe für haben – ist voller Energie und brachte die Menge zum Beben. Irgendwann waren alle nur noch am Tanzen und Hüpfen – Höhepunkt war sicher Satisfaction, dass dies ein Cover sein soll, fiel garantert niemandem auf und glaubte man erst auch nicht.
Die Herren schienen selber begeistert von der Begeisterung des Publikums und trumpften immer mehr auf bis sie sich schließlich erschöpft mit einem „Wir lieben Deutschland“ verabschiedeten.
WhoMadeWho: einer der Folklore-Höhepunkte – ganz klar!

Sonntag, der 29.

Heute gings erst ein bisschen später los, wir trafen erst gegen 16 Uhr zur Local Band Explosion im Schlachthof ein. Dieser Oberbegriff steht für einen Veranstaltungsteil, der in der der kleinen Halle (Räucherkammer) stattfand und bei dem lokale Bands und Musiker die Chance hatten, sich eine halbe Stunde einem größeren Publikum zu präsentieren. Los gings zu erst mit Sir Toby, einer Indierockband aus Mainz, deren Musik irgendwo zwischen Garage und Indiedisko einzuordnen ist und stellenweise an die Kilians erinnert (bis auf den Gesang).
Später sahen wir dann The C-Types, deren Musik ziemlich tanzbar war, aber auch irgendwie ziemlich abgedreht. Nicht umsonst bezeichnen sie ihren Musikstil auf ihrer Myspace-Seite als „Surrealistic Surf & Industrial TangoTrash“.
Danach war erstmal Schluss mit Trash, es war Hip Hop an der Reihe. Kons-T macht aber nicht einfach Hip Hop, er hat seine eigene eigene Musikrichtung erfunden: Handirap. Das setzt sich zusammen aus Rap und Handicap, denn Kons-T ist körperbehindert und sitzt im Rollstuhl. Seine Texte drehen sich hauptsächlich um gesellschaftliche Missstände, sind aber immer hoffnugsvoll.
Nach ihm geht’s raus in den kalten Nieselregen um Miss Li, den letzten Act des Abends, auf der Parkbühne zu sehen. Die Stockholmerin – die, nur so nebenbei erwähnt, aus der selben Stadt wie Mando Diao und Sugarplum Fairy kommt und außerdem am selben Tag Geburtstag hat wie ich, aber wie gesagt, das nur nebenbei – ist einer DER Insidertipps und das zu Recht. Die Lieder, die sie mit ihrer sympathischen Band zum besten gab, bewegen sich irgendwo zwischen Jazz, Pop und Folk und machen immer gute Laune. Besonders bestach die kleine Frau auf hohen Schuhen durch ihre außergewöhnliche Stimme und ihr energisches Klavierspiel.
Amüsant war außerdem, wie sie immer wieder ein Bier exte oder schließlich am Ende ihres Hits Oh Boy lachend ihre Bandmates beobachtete, die auf verrückte Art nochmal alles aus ihren Instrumenten herausholten. Auch ihre Deutsch-Kenntnisse – 6 Jahre lang in der Schule! – ernteten gutgemeinte Lacher, als sie das Kinderlied Wir haben Hunger, Hunger, Hunger sang.

Die nette Miss Li war damit ein guter Abschluss für ein nettes Festival, das trotz schlechten Wetters ziemlich viel Spaß gemacht hat und nicht viel Überzeugungsarbeit nötig sein wird, um auch wieder bei Folklore 011 am Start zu sein.

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